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Versbuch

Terzinen über Vergänglichkeit

Hugo von Hofmannsthal · 18741929

58 Zeilen in 21 Strophen · zuerst gedruckt 1922

TERZINENÜBER VERGÄNGLICHKEIT

INoch spür ich ihren Atem auf den Wangen:Wie kann das sein, daß diese nahen TageFort sind, für immer fort, und ganz vergangen?

Dies ist ein Ding, das keiner voll aussinnt,Und viel zu grauenvoll, als daß man klage:Daß alles gleitet und vorüberrinnt.

Und daß mein eignes Ich, durch nichts gehemmt,Herüberglitt aus einem kleinen KindMir wie ein Hund unheimlich stumm und fremd.

Dann: daß ich auch vor hundert Jahren warUnd meine Ahnen, die im Totenhemd,Mit mir verwandt sind wie mein eignes Haar,

So eins mit mir als wie mein eignes Haar.

IIDie Stunden! wo wir auf das helle BlauenDes Meeres starren und den Tod verstehn,So leicht und feierlich und ohne Grauen,

Wie kleine Mädchen, die sehr blaß aussehn,Mit großen Augen, und die immer frieren,An einem Abend stumm vor sich hinsehn

Und wissen, daß das Leben jetzt aus ihrenSchlaftrunknen Gliedern still hinüberfließtIn Bäum' und Gras, und sich matt lächelnd zieren

Wie eine Heilige, die ihr Blut vergießt.

IIIWir sind aus solchem Zeug, wie das zu Träumen,Und Träume schlagen so die Augen aufWie kleine Kinder unter Kirschenbäumen,

Aus deren Krone den blaßgoldnen LaufDer Vollmond anhebt durch die große Nacht.... Nicht anders tauchen unsre Träume auf,

Sind da und leben wie ein Kind, das lacht,Nicht minder groß im Auf- und NiederschwebenAls Vollmond, aus Baumkronen aufgewacht.

Das Innerste ist offen ihrem Weben;Wie Geisterhände in versperrtem RaumSind sie in uns und haben immer Leben.

Und drei sind Eins: ein Mensch, ein Ding, ein Traum.

IVZuweilen kommen niegeliebte FrauenIm Traum als kleine Mädchen uns entgegenUnd sind unsäglich rührend anzuschauen,

Als wären sie mit uns auf fernen WegenEinmal an einem Abend lang gegangen,Indes die Wipfel atmend sich bewegen

Und Duft herunterfällt und Nacht und Bangen,Und längs des Weges, unsres Wegs, des dunkeln,Im Abendschein die stummen Weiher prangen

Und, Spiegel unsrer Sehnsucht, traumhaft funkeln,Und allen leisen Worten, allem SchwebenDer Abendluft und erstem Sternefunkeln

Die Seelen schwesterlich und tief erbebenUnd traurig sind und voll TriumphgeprängeVor tiefer Ahnung, die das große Leben

Begreift und seine Herrlichkeit und Strenge.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, S. 26–28, Insel Verlag, Leipzig, 1922
Digitalisat
de.wikisource.org — „Terzinen über Vergänglichkeit (I–IV)“, Fassung 3.026.790 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Hugo von Hofmannsthal starb 1929; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1999 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118552759 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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