Der Baum
Georg Heym · 1887–1912
24 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1911
Am Wassergraben, im WiesenlandSteht ein Eichbaum, alt und zerrissen,Vom Blitze hohl, und vom Sturm zerbissen.Nesseln und Dorn umstehn ihn in schwarzer Wand.
Ein Wetter zieht sich gen Abend zusammen.In die Schwüle ragt er hinauf, blau, vom Wind nicht gerührt.Von der leeren Blitze Gekränz umschnürt,Die lautlos über den Himmel flammen.
Ihn umflattert der Schwalben niedriger Schwarm.Und die Fledermäuse huschenden Flugs,Um den kahlen Ast, der zuhöchst entwuchsBlitzverbrannt seinem Haupt, eines Galgens Arm.
Woran denkst Du, Baum, in der WetterstundeAm Rande der Nacht? An der Schnitter Gered’,In der Mittagsrast, wenn der Krug umgeht,Und die Sensen im Grase ruhn in der Runde?
Oder denkst Du daran, wie in alter ZeitEinen Mann sie in Deine Krone gehenkt,Wie, den Strick um den Hals, er die Beine verrenkt,Und die Zunge blau hing aus dem Maule breit?
Wie er da Jahre hing, und den Winter trug,In dem eisigen Winde tanzte zum Spaß,Und wie ein Glockenklöppel, den Rost zerfraß,An den zinnernen Himmel schlug.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Der ewige Tag. S. 26, 1. Auflage, Rowohlt, Leipzig, 1911
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der Baum“, Fassung 2.839.527 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Georg Heym starb 1912; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1982 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118550683 der Deutschen Nationalbibliothek.
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