Der Blinde
Georg Heym · 1887–1912
24 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1911
Man setzt ihn hinter einen Gartenzaun.Da stört er nicht mit seinen Quälerein.„Sieh Dir den Himmel an!“ Er ist allein.Und seine Augen fangen an zu schaun.
Die toten Augen. „O, wo ist er, wieIst denn der Himmel? Und wo ist sein Blau?O Blau, was bist Du? Stets nur weich und rauhFühlt meine Hand, doch eine Farbe nie.“
„Nie Purpurrot der Meere. Nie das GoldDes Mittags auf den Feldern, nie den ScheinDer Flamme, nie den Glanz im edlen Stein,Nie langes Haar, das durch die Kämme rollt.“
„Niemals die Sterne. Wälder nie, nie LenzUnd seine Rosen. Stets durch GrabesnachtUnd rote Dunkelheit werd’ ich gebrachtIn grauenvollem Fasten und Karenz.“
Sein bleicher Kopf steigt wie ein LilienschaftAus magrem Hals. Auf seinem dürren SchlundRollt wie ein Ball des Adamsapfels Rund.Die Augen quellen aus der engen Haft,
Ein Paar von weißen Knöpfen. Denn der StrahlDes weißen Mittags schreckt die Toten nicht.Der Himmel taucht in das erloschene LichtUnd spiegelt in dem bleiernen Opal.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Der ewige Tag. S. 18, 1. Auflage, Rowohlt, Leipzig, 1911
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der Blinde (Heym)“, Fassung 2.912.312 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Georg Heym starb 1912; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1982 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118550683 der Deutschen Nationalbibliothek.
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