Zum Inhalt springen
Versbuch

Nox portentis gravida

Hugo von Hofmannsthal · 18741929

38 Zeilen in 3 Strophen · zuerst gedruckt 1922

In hohen Bäumen ist ein Nebelspiel,Und drei der schönen Sterne funkeln nah:Die Hyazinthen an der dunkeln ErdeErinnern sich, daß hier geschehen werde,Was früher schon und öfter wohl geschah:Daß Hermes und die beiden Dioskuren,Funkelnd vor Übermut, die luftigen SpurenDer windgetragenen Grazien umstellenUnd spielend, mit der Grausamkeit der Jagd,Sie aus den Wipfeln scheuchen, ja die WellenDes Flusses nahe treiben, bis es tagt.

Der Dichter hat woanders seinen Weg,Und mit den Augen der Meduse schauendSieht er das umgelegene fahle FeldSogleich entrückt und weiß nicht, wie es ist,Und fügt es andern solchen Orten zu,Wo seine Seele wie ein Kind verstellt,Ein Dasein hat von keiner sichern FristIn Adlersluft und abgestorbner Ruh.Dort streut er ihr die Schatten und die ScheineDer Erdendinge hin und Edelsteine.

Den dritten Teil des Himmels aber nimmtDie Wolke ein von solcher Todesschwärze,Wie sie die Seele dessen anfällt, derDurch Nacht den Weg sich sucht mit einer Kerze:Die Wolke, die hinzog am nächsten Morgen,Mit Donnerschlag von tausenden GewitternUnd blauem Lichte stark wie nahe SonnenUnd schauerlichem Sturz von heißen Steinen,Die Insel heimzusuchen, wo das ZitternAufblühen ließ die wundervollsten Wonnen;Vor ungeheurer Angst erstorbenes WeinenDer Kaufpreis war: daß in verstörten Gärten,Die nie sich sahen, sich fürs Leben fandenUnd trunken sterbend, Rettung nicht begehrten;Daß Gott entsprang den Luft- und Erdenbanden,Verwaiste Kinder gleich Propheten glühtenUnd alle Seelen wie die Sterne blühten.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, S. 21–22, Insel Verlag, Leipzig, 1922
Digitalisat
de.wikisource.org — „Nox portentis gravida“, Fassung 3.026.764 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Hugo von Hofmannsthal starb 1929; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1999 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118552759 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

Mehr von Hugo von Hofmannsthal

Alle Gedichte von Hugo von Hofmannsthal ansehen

Gedichte aus dieser Epoche: Moderne und Expressionismus

Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.