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Versbuch

Das Schicksal

Christian Fürchtegott Gellert · 17151769

47 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1769

O Mensch! was strebst du doch den Rathschluß zu ergründen,Nach welchem Gott die Welt regiert?Mit endlicher Vernunft willst du die Absicht finden,Die der Unendliche bey seiner Schickung führt?Du siehst bey Dingen, die geschehen,Nie das Vergangne recht, und auch die Folge nicht;Und hoffest doch den Grund zu sehen,Warum das, was geschah, geschicht?Die Vorsicht ist gerecht in allen ihren Schlüssen.Dieß siehst du freylich nicht bey allen Fällen ein;Doch wolltest du den Grund von jeder Schickung wissen:So müßtest du, was Gott ist, seyn.Begnüge dich, die Absicht zu verehren,Die du zu sehn, zu blöd am Geiste bist;Und laß dich hier ein jüdisch Beyspiel lehren,Daß das, was Gott verhängt, aus weisen Gründen fließt,Und, wenn dirs grausam scheint, gerechtes Schicksal ist.

Als Moses einst vor Gott auf einem Berge trat,Und ihn von jenem ewgen Rath,Der unser Schicksal lenkt, um größre Kenntniß bat:So ward ihm ein Befehl, er sollte von den Höhen,Worauf er stund, hinab ins Ebne sehen.Hier floß ein klarer Quell. Ein reisender SoldatStieg bey dem Quell von seinem Pferde,Und trank. Kaum war der Reuter fort:So lief ein Knabe von der HeerdeNach einem Trunk an diesen Ort.Er fand den Geldsack bey dem Quelle,Der jenem hier entfiel, er nahm ihn, und entwich;Worauf nach eben dieser StelleEin Greis gebückt an seinem Stabe schlich.Er trank, und setzte sich, um auszuruhen, nieder;Sein schweres Haupt sank zitternd in das Gras,Bis es im Schlaf des Alters Last vergaß.Indessen kam der Reuter wieder,Bedrohte diesen Greis mit wildem Ungestüm,Und forderte sein Geld von ihm.

Der Alte schwört, er habe nichts gefunden,Der Alte fleht und weint, der Reuter flucht und droht,Und sticht zuletzt, mit vielen Wunden,Den armen Alten wütend todt.

Als Moses dieses sah, fiel er betrübt zur Erden;Doch eine Stimme rief: Hier kannst du inne werden,Wie in der Welt sich alles billig fügt,Denn wiß: Es hat der Greis, der itzt im Blute liegt,Des Knabens Vater einst erschlagen,Der den verlornen Raub zuvor davon getragen.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Sämmtliche Schriften. 1. Theil: Fabeln und Erzählungen, Erstes Buch. S. 104–105, 1. Auflage, M. G. Weidmanns Erben und Reich und Caspar Fritsch, Leipzig, 1769
Digitalisat
de.wikisource.org — „Das Schicksal (Gellert)“, Fassung 4.602.442 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Christian Fürchtegott Gellert starb 1769; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1839 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118538322 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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