Wiederseh’n
Friederike Brun · 1765–1835
38 Zeilen in 11 Strophen · zuerst gedruckt 1795
An Damon und Pythias.
(Im Mai 1792).
Aus dem Dunkel der tiefgewölbten Felskluft,Nah’ umlispelt von leisen Wasserfällen,Schauet mein Geist der Zukunft Lichtgefilde,Schauernd vor Wonne.
Von der sonnigen Höh’ des Blumenhügels,Sanft vom schmeichelnden Felsenstrom umwallet,Schweb’ auf rosigem Fittig leicht, o Psyche!Ueber der Erde.
Auf des grünlichen Sees beglänzte TiefeBlick’ ich bebend hinab; vom West umathmetSchauert leise die Flut; in jedem WellchenLächelt der Himmel.
Kühner kreiset der Flug auf goldnem Aether,Rings vom schärferen Luftstrom laut umsäuselt;Tönend senket er sich am unerstiegenenGipfel der Jungfrau.
Ach! mit hellerem Blicke trinkt des AbendsRötheres Gold mein Äug’ am näheren Himmel;Silberner stralet der Mond mir hier, und milderHesperus Schimmer.
Was entwallet fernher dort des LemannsBlauem Gedüfte, sanft wie Schwanenfittig?Näher schimmert’s empor – O LichtgebildeSeyd mir gegrüsset!
Traulich lächeln sie mir aus Duftgewölken,Gleich dem Zwillingsgestirn der Tyndariden,Ewig vereint, die edlen nie getrenntenSeelen der Freunde.
Schneller steigen wir jezt im engen Kreise;Trüb entdämmert die Erd’. O Alpenkette,Nur dein hoher Reigen, vom Mond beleuchtet,Winkt in der Tiefe!
Oeffne den Schooß, o reiner Aetherhimmel!Rauschet Palmen, und rieselt, Lebensbäche!Feiert, Engel! der treusten ErdenfreundschaftHohe Verklärung.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 90–92, Orell, Gessner, Füssli & Comp., Zürich, 1795
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Wiederseh’n“, Fassung 3.466.801 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Friederike Brun starb 1835; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1905 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118516051 der Deutschen Nationalbibliothek.
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