Ton der Leyer
Friederike Brun · 1765–1835
24 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1795
Warum entschweben selten mir die TöneDer jugendlichen blütengleichen Lust?Gabst du vielleicht, o himmlische Comoene,Der Leiden sanften Ton nur meiner Brust?
Wenn stille Thränen sich im Auge bilden,Und süsse Wemut meine Seele füllt,O dann begleiten Lieder oft den mildenErguß, der meinen dunkeln Blick umhüllt!
Nur zu des Herzens still gefühlter Feier,Nur für den hohen geistigern Genuß,Stimmt Einsamkeit mir meine sanfte Leyer,Und adelt der Empfindungen Erguß!
Wenn dann die Dämmrung schaurig sich ergießet,Nur noch auf Felsenkronen Purpur glüht,Erwacht der innre Sinn; das Auge schließetSich vor der Gegenwart, das Zukunft sieht.
Dann schwebt in hohen ungemessnen WeitenDes Aetherraums der kühn entflohne Geist!Sieht Welten wandeln, Monde sie begleiten;Fühlt Wonne, die Unsterblichkeit verheißt.
Bis Psyche, ach! vom hohen Fluge trunken,Sich sinkend, matt, der Erde nahe fühlt,Und der verhüllte göttlich reine FunkenIm Schooß der Gegenwart sein Feuer kühlt!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 96–97, Orell, Gessner, Füssli & Comp., Zürich, 1795
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Ton der Leyer“, Fassung 1.101.516 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Friederike Brun starb 1835; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1905 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118516051 der Deutschen Nationalbibliothek.
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