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Versbuch

Die Rehe

Conrad Ferdinand Meyer · 18251898

63 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1882

Fern von dem fürstlichen keuschen GemahlJubelt ein blühender Jüngling im Saal:„Hebet die Becher und ruft daß es schallt:Freiheit, sie lebe! Die Freiheit im Wald!“All die Genossen der weidlichen LustBringen das Hoch aus erglühender Brust:„Lebe die Jugend und Bacchus’ Gewalt!Freiheit, sie lebe! Die Freiheit im Wald!“

Schmetternde Hörner! Dann flüstern sie sacht,Scherzen und locken die Elfen der NachtAus ihren Waldesverstecken hervor –Aengstliche Schläge bestürmen das Thor.„Setz dich ans Feuer, du herziges Kind!“Lärmt im erleuchteten Hof das Gesind.„Fürstlich bewirthen mit Kuchen dich wir!Drinnen was suchst du? Bescheide dich hier!“

Rasch in den Saal, in den fürstlichen, trittEine Gescheuchte mit hastigem Schritt,Ueber den Busen, vom Laufe bewegt,Kreuzweis die flehenden Arme gelegt –Blätter am Röcklein, herbströthlich und falb!Krausdunkle Haare, noch flattern sie halb,Süßbraune Augen und schmerzlich dabei,Blutende Füße – nicht die einer Fei!

„Sage, wer bist du, krauslockiges Haupt,Schimmernd von purpurnen Blättern umlaubt?“– „Rehe, die Rehe, so heiß’ ich im LandVon meinem braunen Gelock und Gewand“ –„Mein ist die Rehe! Des Herrn ist die Jagd!“Jubelt der Jüngling, es sträubt sich die Magd...Halali! hetzt es und tobt es und hallt.Ringend entwindet sie sich der Gewalt.

Lodernde Augen, wie Blitze der Nacht –Doch sie besinnt sich. Dann redet sie sacht:„Rehe, die Rehe, so heiß’ ich im Land,Wilpert, der Schütz, ist der Vater genannt –Auf eine Jagd, die dem Herrn nur gebührt,Hat ihn ein ätzendes Rudel verführt.Siehe, da kniet er, da zielt er und knallt –Heut hat der Vater gefrevelt im Wald!Doch deine Förster ergriffen ihn, weh,Ihn und das sündlich erbeutete Reh.Ich, von der Angst und dem Jammer gejagt,Lief in den Wald, eine hilflose Magd.Da schier das Herz mir im Busen zersprang,Sah ich die Kerzen und hörte den Klang –Glaubte die gütige Herzogin hierUnd nun erzittr’ ich und steh’ ich vor dir.Gieb mir den Vater und gieb mir ihn bald,Daß ich getröstet verlasse den Wald.Gnade!“

Der Herzog gesteht sich verwirrt,Daß man sich leichtlich im Walde verirrt.Und er bekennt, vom Gewissen gerührt,Daß eine Rehe vom Wege verführt.Murmelnd verlangt er ein Blatt, einen Stift,Schreibt eine Zeile mit schwankender Schrift:„Wilpert, dem Schützen, gewähr’ ich Pardon!“Und sie bedankt sich und fort ist sie schon.Er tritt ans Fenster und öffnet es sacht:Leuchtende Sterne der ruhigen Nacht!Dort eine flüchtige dunkle GestaltUnd eine Rehe verschwindet im Wald.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, Seite 105-107, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
Digitalisat
de.wikisource.org — „Die Rehe“, Fassung 3.564.264 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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