Die Schlittschuhe
Conrad Ferdinand Meyer · 1825–1898
60 Zeilen · zuerst gedruckt 1882
„Hör’ Ohm! In deiner Trödelkammer hangtEin Schlittschuhpaar, danach mein Herz verlangt!Von London hast du einst es heimgebracht,Zwar ist es nicht nach neu’ster Art gemacht,Doch damaszirt, verteufelt elegant!Dir rostet ungebraucht es an der Wand,Du gibst es mir!“ Hier, Junge, hast du Geld,Kauf dir ein schmuckes Paar, wie dir’s gefällt!„Ach was! Die damaszirten will ich, deine:Du läufst ja nimmer auf dem Eis, ich meine?“Der liebe Quälgeist läßt mir keine Ruh,Er zieht mich der verscholl’nen Stube zu;Da lehnen Masken, Klingen, kreuz und querAn Bayle’s staubbedecktem Dictionär,Und seine Beute schon erblickt der KnabeIn dunkelm Winkel hinter einer Truhe:„Da sind sie!“ Ich betrachte meine Habe,Die Jugendschwingen, die gestählten Schuhe!Mir um die Schläfen zieht ein leiser Traum ...„Du gibst sie mir!“ ... In ihrem blonden Haar,Dem aufgewehten, wie sie lieblich war,Der Wangen edel Blaß, geröthet kaum! ...In Nebel eingeschleiert lag die Stadt,Der See, ein Boden spiegelhell und glatt,Drauf in die Wette flogen, Gleis an Gleis,Die Läufer; Wimpel flaggten auf dem Eis ...Sie schwebte still, zuerst umkreist von vielenGeflügelten wettlaufenden Gespielen –Dort stürmte wild die purpurne Bacchantin,Hier maß den Lauf die peinliche Pedantin –Sie aber wiegte sich mit schlanker KraftUnd leichten Leibes, luftig, elfenhaft,Sie glitt dahin, das Eis berührend kaum,Bis sich die Bahn in einem weiten RaumVerlor und dann in schmal’re Bahnen theilte.Da lockt es ihren Fuß in Einsamkeiten,In blaue Dämmerung hinauszugleiten,Ins Märchenreich; sie zagte nicht und eilteUnd sah, daß ich an ihrer Seite fuhr,Nahm meine Hand und eilte rascher nur.Bald hinter uns verscholl der Menge Schall,Die Wintersonne sank, ein Feuerball,Doch nicht zu hemmen war das leichte Schweben,Der sel’ge Reigen, die beschwingte FluchtUnd warme Kreise zog das rasche LebenAuf harterstarrter, geisterhafter Bucht.An uns vorüber schoß ein Fackellauf,Ein glüh Phantom, den grauen See hinauf ...In stiller Luft ein ungewisses Klingen,Wie Glockenlaut, des Eises surrend Singen ...Ein dumpf Getos, das aus der Tiefe droht –Sie lauscht, erschrickt, ihr graut, das ist der Tod!Jäh wendet sie den Lauf, sie strebt zurück,Ein scheuer Vogel, durch das Abenddunkel,Schon wieder naht das wirre Lichtgefunkel,Der Lärm, sie löst die Hand .... o Märchenglück!Sie wendet sich nicht um und sucht die Stadt,Dem Kinde gleich, das sich verlaufen hat –„Ei, Ohm, du träumst? Nicht wahr, du gibst sie mir,Bevor das Eis geschmolzen? ...“ Junge, hier.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 61, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die Schlittschuhe“, Fassung 3.762.173 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.