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Versbuch

Die spanischen Brüder

Conrad Ferdinand Meyer · 18251898

52 Zeilen in 13 Strophen · zuerst gedruckt 1882

„Da find’ ich dich! In WintergrausHält dich ein deutsches Donaunest,Ein schneebelastet Giebelhaus,Kind einer heißen Sonne, fest.

Was treibst du hier? Mit toller BrunstBohrst du dich in Folianten ein?Vom Teufel kommt die schwarze Kunst!Griechisch? Die Kirche spricht Latein!

Darüber sitzest, Nacht um Nacht,Du auf? Noch qualmt der Lampe Docht!Auch siehst du bleich und überwacht,Der sonst so weidlich ritt und focht!

Du darbst? Du meidest jede Lust?Von allem Denken mach dich frei!Verbrenn’ an einer warmen Brust,Ertränk’ in Wein die Ketzerei!

Ergreife Schwert und Eisenhut!Dem Spanier ward die Welt zum Raub!Nach Flandern! Eh dein EdelblutVersiegt in ekelm Bücherstaub!

Mein Bruder Juan, komm mit mir,Beflecke nicht der Diaz Ruhm!Ersäuf’ im QuadalquivirDas gottverdammte Lutherthum!

In Wittenberg hast du – absurd! –Auf einer Schule Bank gehockt!Bei diesem Dolch an meinem Gurt,Ich morde den der dich verlockt!

Der Vater ist ein alter ChristUnd sähe lieber dich im Grab!Die Mutter, welche gläubig ist –Der Mutter drückst das Herz du ab!

Nie hat ein Diaz falsch geglaubt!Nicht wahr? Uns tust du nicht die Schmach,Geliebter Bruder, theures Haupt!Ich eilte deinen Schritten nach!

Juan, ich reiße dich herausMit dieser meiner Arme Kraft!Die Rosse stampfen vor dem Haus,Geführt von meiner Dienerschaft.

Du schweigst? Bekenn mir, ob’s geschah!Thatst du den Schritt? Du schüttelst: Nein!Wirst du ihn tun? Ja? Du nickst: Ja? …Juan, es muß geschieden sein!“

Eng hält den Bruder er umfaßt,Bang stöhnend senkt er Blick in Blick,Küsst, küsst ihn noch einmal in Hast –Und stößt den Dolch ihm durchs Genick.

Er hält den Bruder lang im Arm,Mit unerschöpften Thränen netztUnd badet er den Todten warm:„Noch starbest als ein Christ du jetzt!“

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte S. 309–311, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
Digitalisat
de.wikisource.org — „Die spanischen Brüder“, Fassung 3.575.588 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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