Die Schweizer des Herrn von Tremouille
Conrad Ferdinand Meyer · 1825–1898
72 Zeilen in 12 Strophen · zuerst gedruckt 1882
Herr Karl war verdrossen,Sein Pulver verschossen:„O Gunst der Bellona, du wandelndes Glück!Umstarrt aller EndenVon Felsen und WändenLaß ich meine herrlichen Büchsen zurück?“
Da kam aus der PouilleHerr Ludwig TremouilleUnd sprach: „Ich bezwinge die schwindelnde Bahn!Nicht Rosse, nicht FarrenVor Büchsen und Karren!Ich spanne mich selbst und die Schweizer daran.
Die kennen die Berge!Das sind keine Zwerge,Wie deine Gascogner, die zapplige Brut!Die haben dir Arme,So harte, so warme!Herr König, ich steh’ für die Büchsen dir gut!
Ihr Herrn aus den Bünden,Bedenkt eure Sünden:Den rollenden Würfel, den Becher, die Dirn!Die wollen wir fegenAuf brennenden Wegen,Die büßen wir heute mit triefender Stirn!
Weg warf er die Jacke,Daß fester er packeDas Seil um die erste Kanone geknüpft –Da jauchzten die BubenUnd schoben und huben,Im Nu aus den puffigen Wämsern geschlüpft.
Der stämmige Berner,Der lust’ge LuzernerSie streiften die nervigen Arme sich nackt;Die Kinder der Rhone,Der braune Grisone,Sie zogen die rasselnden Büchsen im Takt.
Ein knarrendes Stöhnen,Metallenes Dröhnen!Sie fuhren zu Berg mit der Heerde von Erz,Vorüber den Schründen,Die Herrn aus den Bünden,Als ging’ es zum Reigen mit Jubel und Scherz.
Ein prächtiges Wetter!DrommetengeschmetterErschüttert die blaue, die strahlende Luft.Ihr schollt, Apenninen,Von hellen ClarinenUnd klangt bis in eure verborgenste Schluft!
Doch hartes Bedenken!Da gab’s keine SchenkenFür durstige Gaumen und siedendes Blut.Herr Ludwig ruft munter:„Bald geht es bergunter!“Und reißt an dem Seil in der sengenden Glut.
Wie kicherte Flore,Wie höhnte Aurore,Erblickten hemdärmlig den Ritter sie hier!Mit keuchender Lunge,Mit lechzender ZungeDen zierlichen Helden an Fest und Turnier!
Noch einmal geschobenUnd jetzt sind sie oben!Sie rasten, auf glühende Felsen gestreckt,Und sehen mit WeidenUnd goldnen GetreidenDie fette lombardische Fläche bedeckt.
Der Liebling der FrauenNahm, sich zu beschauen,In Züchten sein silbernes Spieglein hervor,Besah in der WildnißSein schreckliches BildnißUnd fluchte: „Potz Blitz! Ich bin Ludwig der Mohr!“
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 288–290, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die Schweizer des Herrn von Tremouille“, Fassung 3.573.712 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.
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