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Versbuch

Die Rose von Newport

Conrad Ferdinand Meyer · 18251898

41 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1882

Sprengende Reiter und flatternde Blüthen,Einer voraus mit gescheitelten Locken –Ist es der Lenz auf geflügeltem Renner?Karl ist’s, der Jüngling, der Erbe von England,Und die sich nähern in goldener Mailuft,Das sind die Giebel und Thore von Newport,Drüber das Wappen der Stadt: eine Rose!Jubelnde Gassen und jubelnde WimpelUnd ein von treibender Jugend geschwelltes,Jubelndes Herz in dem Busen des Stuart …Unter den blühenden Linden des MarktesSchreitet ein Reigen von blüh’nden GestaltenUnd eine Schönste mit herzlichem BebenBietet dem Prinzen die Rose von Newport:„Seliges Gestern und Morgen und Heute,Herr, Dir die Rose von Newport bedeute!“

Morgen erzählen die Linden das MärchenVon der entblätterten Rose von Newport.

Sprengende Reiter und wirbelnde Flocken,Einer voraus mit verwilderten Haaren –Ist es der Winter, der finstre Geselle?Karl ist’s, der Flüchtling, der König von England.Seit er das Blut seines Volkes vergossen,Reitet er neben zerschmetterndem Abgrund …Und die sich nähern in weißem Gestöber,Das sind die Giebel und Thore von Newport,Drüber das Wappen der Stadt: eine Rose!Nirgend ein Jubel und nirgend ein Wimpel,Polternde Hämmer und kreischende Feilen –Und ein von eisernen Fäusten gepresstes,Aechzendes Herz in dem Busen des Stuart …Unter den frierenden Linden des MarktesBettelt ein Kind mit verschatteten Augen,Bietet dem König ein dorrendes Röschen:„Seliges Gestern und Morgen und Heute,Herr, Dir die Rose von Newport bedeute!“Karl, der die Züge des Kindes betrachtet,Schmal und gespenstig im Spiegel des ElendsSieht er das eigene Antlitz und schaudert.

Morgen erzählen die Linden das MärchenVon dem enthaupteten König in England.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, S. 329, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
Digitalisat
de.wikisource.org — „Die Rose von Newport“, Fassung 3.566.263 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.