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Versbuch

Die Seitenwunde

Conrad Ferdinand Meyer · 18251898

20 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1882

Ueber ihre Thore statt der MuseMeißeln die Baglioni die MeduseUnd an ihren grausen HochzeitsfestenKämpft der Bräutigam mit seinen Gästen.

Heute liegen wieder sie wie Garben:Blutsgenossen, die sich würgend starben!Wo des Bruderhasses Fackel brannte,Sucht das Kind und findet’s Atalante.

Niederstarrend, auf das Knie gesunken,Hebt des Sohnes Haupt sie jammertrunken,Drüber hebt sie die geballte Rechte,Daß sie fluche diesem Mordgeschlechte …

Ihrem Knaben steht die Seite offen,Wo der Speer Longin’s den Herrn getroffen,Ihres Knaben Haupt, ein blondes ist es,Wie das dorngekrönte Haupt des Christes …

Wie des Christes Haupt ist’s ein erbleichtes,Auf die Schulter friedevoll geneigtes,Haß und Fluch erlischt auf ihrem Munde,Sie verehrt die heil’ge Seitenwunde …

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, S. 291, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
Digitalisat
de.wikisource.org — „Die Seitenwunde“, Fassung 3.573.908 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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