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Versbuch

Luren-Concert

Theodor Fontane · 18191898

42 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1905

In Kopenhagen, groß und gesperrt,Am Saal-Eingange stand: Luren-Concert.

Und an meinen Gastfreund jener TageRichte voll Neugier ich die Frage:„Sage, was meint das? Bis Faust’s LemurenReicht es gerade. Doch was sind Luren?“

„‚Luren, in Tagen der Gothen und Geten,Hießen unsre Nordlands-Trompeten,Hörner waren’s, von sieben Fuß Länge,Schlachtruf waren ihre Klänge,Die Luren, lange vor Gorm dem Alten,Ueber’s Moor und über die Haide schallten …Wo der Steindamm sich hinzieht, stieben die Funken.In den Sumpf ist Roß und Troß versunken,Und versunken unter die Binsen und Gräser,Waren zuletzt auch die Lurenbläser.Da lagen sie. Bis zu zweitausend JahrenSind Nebel und Wind drüber hingefahren,Eines Tages aber grub man und Schwert und KnaufUnd die Luren auch stiegen wieder herauf,Herauf aus dem Moorgrund unterm RasenUnd auf diesen Luren wird heute geblasen.‘“

Eintret’ ich. Im Saal, an Estrad’ und Wand,Sitzen schöne Frauen, die Fächer in Hand;Lustig die Kleider, kokett die Hüte,Vorn an der Brust eine Haidekrautblüthe,So sitzen sie da; Lorgnon und GläserRichten sich auf die Lurenbläser.

Das sind ihrer Drei. Blond-nordisch ihr Haar,Keiner über dreißig Jahr,An die Brüstung jetzt sind sie herangetreten,Hoch heben sie langsam ihre Trompeten,Und die Luren, so lang in Tod gebunden,Haben auf’s Neue Leben gefunden.

Es fallen die Schwerter, es klappen die Schilde,Walkyren jagen, es jagt Brunhilde,Von der Todten hochaufgethürmtem WallAufwärts geht es es nach Walhall.

Und nun verklingt es; die Köpfe geneigt,Lauscht noch alles, als alles schon schweigt.

Draußen am Eingang, groß und gesperrt,Las ich noch einmal: Luren-Concert.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, Seite 71–72, 10. Auflage, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin, 1905
Digitalisat
de.wikisource.org — „Luren-Konzert“, Fassung 1.577.457 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Theodor Fontane starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118534262 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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