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Versbuch

Einsiedel

Conrad Ferdinand Meyer · 18251898

64 Zeilen in 16 Strophen · zuerst gedruckt 1882

„Was pocht mir an das Fenster?Was klopft an meine Thür so laut?“– „Ich bin ein junger WildfangUnd naß bis auf die Haut.

Ich bin der Gerold Wendel,Wir ziehen an den Hof zu Zwein,Der Andre ist ein KonradUnd nennt sich Lützelstein.

Der duckt sich etwo andersVor Blitzgezuck und WetterzornUnd bläst mich morgen munterMit seinem Jägerhorn.

Einsiedel, frommer Bruder,Ihr sehet wie es um mich steht!Gewährt mir Euer LagerUnd sprecht mein Nachtgebet!“

Er lallt es, halb entschlummertUnd streckt die Glieder aus zur RuhEinsiedel deckt sein LämpchenMit beiden Händen zu.

„Wie lieblich ist die Jugend!Hätt’ ich ein Füllhorn voller Glück,Ich leert’ es dir zu Häupten,Es bliebe nichts zurück.“

Der Schlumm’rer wird zum Träumer,In hast’gen Worten redet er,Lacht, weint in Einem AthemUnd wirft sich hin und her.

– „Ich habe Blut vergossen!“Einsiedel faßt besorgt ihn an.„Du träumst nicht gut. Erwache!Die Augen aufgethan!“

Er starrt mit wilden Blicken.„Mein Kind, wie hast du mich erschreckt!“– „Einsiedel, frommer Bruder,Ich bin mit Blut bedeckt.

Wir saßen unter Linden,Ich und der Konrad Lützelstein,Ein Fräulein von dem HofeBot lachend uns den Wein.

Sie streift’ mich mit dem Aermel,Die binsenschlank gewachsen war,Sie hatte schnelle AugenUnd aschenblondes Haar.

Sie streift’ mich mit der AchselUnd lispelt mir ins Ohr hinein:„Wilt, junger Edelknabe,Mein Trautgeselle sein?“

Da schwang man einen Reigen,Sie reigte mit dem Lützelstein –„Wilt, junger Edelknabe,Mein Trautgeselle sein?“

Mir schwoll die Brust vor Eifer,Ein Hader reißt die Klingen bloß –„Herzbruder, mein Herzbruder,Gabst mir den Todesstoß!“

Einsiedel mahnt: „Erwache!“Und schiebt zurück sein Fensterlein.Da strömt mit TannendüftenEin Erdgeruch herein.

Und horch, ein Hifthorn schmettertUnd eine frische Stimme schallt:„Wo steckt der Gerold Wendel?Den such’ ich durch den Wald!“

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, S. 268–270, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
Digitalisat
de.wikisource.org — „Einsiedel“, Fassung 2.085.703 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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