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Versbuch

Das Heiligthum

Conrad Ferdinand Meyer · 18251898

44 Zeilen · zuerst gedruckt 1882

Waldnacht. Urmächt’ge Eichen, unter dieDes Blitzes greller Strahl geleuchtet nie!Dämmernde Wölbung, Ast in Ast verwebt,Von keines Vogels Lustgeschrei belebt!Ein brütend Schweigen, nie vom Sturm gestört,Ein heilig Dunkel, das dem Gott gehört,Darin, umblinkt von Schädel und Gebein,Sich ungewiß erhebt ein Opferstein …Es rauscht. Es raschelt. Schritte durch den Wald!Das kurze römische Commando schallt.Geleucht von Helmen! Eine reis’ge Schaar!Vorauf ein Gallier und ein Legionar:„Die Stämme können dienen. Beil in Schwung!Cäsar braucht Widder zur Belagerung!“Erbleichend spricht der Gallier ein Gebet,Den Römer auch ergreift die MajestätDes Orts, doch hebt gehorchend er die Axt –Der Gallier flüstert: „Weißt du was du wagst?Die Stämme – diese Riesen – sind gefeit,Hier wohnt ein mächt’ger Gott seit alter Zeit,In dessen Nähe nur der Priester tritt,Ein todtenblasses Opfer schleppt er mit.Versehrtest nur ein Blatt du freventlich,Stracks kehrte sich die Waffe wider dich!“ …Die heil’gen Eichen drohen Baum an Baum,Die Römer lauschen bang und athmen kaum,Schwer, schwerer wird der Hand des Beiles WuchtUnd ihr entsinkt’s. Sie stürzen auf die Flucht.„Steht!“ Und sie stehn. Denn es ist Cäsar’s Ruf,Der sie durch strenge Zucht zu Männern schuf!Er ist bei seiner Schaar. Er deutet hinAuf eine Eiche. Sie umschlingen ihn,Sie decken ihn wie im Gedräng der Schlacht,Sie flehn. Er ringt. Er hat sich losgemacht,Er schreitet vor. Sie folgen. Er ergreiftEin Beil, hebt’s, führt den Schlag, der saust und pfeift …Sank er verwundet von dem frevlen Beil?Er lächelt: „Schauet, Kinder, ich bin heil!“Erstaunen! Jubel! Hohngelächter! Spott!Soldatenwitz: „Verendet hat der Gott!“Die Rinde fliegt! Des Stammes Stärke kracht!Vom Laub zu dunklerm Laube flieht die Nacht.Die Beile thun ihr Werk. Die Wölbung bricht –Auf Riesentrümmer fällt das weiße Licht.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, S. 211–212, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
Digitalisat
de.wikisource.org — „Das Heiligthum“, Fassung 2.228.702 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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