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Versbuch

Pentheus

Conrad Ferdinand Meyer · 18251898

44 Zeilen in 11 Strophen · zuerst gedruckt 1882

Sie schreitet in bacchisch bevölkertem RaumMit wehenden Haaren ein glühender Traum,Von Faunen umhüpft,Um die Hüfte den Gürtel der Natter geknüpft.

Melodisch gewiegt und von Eppich umlaubt,Ein flüsterndes rücklings geworfenes Haupt –„Ich opfre mich Dir.Verzehre, Lyaeus, was menschlich in mir!“

„Agave!“ ruft’s und der bacchische SchwarmZerstiebt und der Vater ergreift sie am Arm.„Weg, trunken Gesind!Erwach und erröthe, verlorenes Kind!

Du dienst einem Gaukler!“ Im Schutz des GewandsVerhüllt er den Busen, entreißt ihr den Kranz –Wild hebt sie den Stab.Sie schlug! Aufstöhnt der das Leben ihr gab.

„Ich glaube den Gott! Ich empfinde die Macht!Ich strafe den Frevler der Götter verlacht!Wer bist du, Gesicht?Ich bin die Bacchantin! Ich kenne dich nicht!“

Er betrachtet sein Kind. Er erstaunt. Er erblaßt.Er entspringt, von entsetzlichem Grauen erfaßt.Er flieht im Gefild,Ein rennender Läufer, ein hastendes Wild.

„Herbei, alle Schwestern! Mänaden, herbei!“Erhebt sie den Weidruf, das helle Geschrei:„Zur Jagd! Zur Jagd!“– „Wir folgend dir, blonde, begeisterte Magd!“

Sie jagen den König, Agave voraus,Er springt in den Strom und erneuert den LaufAm andern Gestad,Sie stürzt sich mit jubelnden Sprüngen ins Bad.

Aufspritzen die Wasser. Er wirbelt den StaubMit bebenden Füßen. Sie hetzen den Raub –Was dämmert empor?Ein Felsengestein ohne Pfad, ohne Thor.

Die Sonne versank und die Wolke verglimmt.Er eilt und er schwankt und er keucht und er klimmt –Am Fuße der WandErreicht ihn die rasende mordende Hand.

Am Grate des Berges verfärbt sich die Glut,Im Schatten des Berges verströmt sich das Blut,Nacht schwebt heranUnd erschrickt und verhüllt was Agave gethan.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, S. 186-187., 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
Digitalisat
de.wikisource.org — „Pentheus (Meyer)“, Fassung 2.086.276 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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