Das Joch am Leman
Conrad Ferdinand Meyer · 1825–1898
54 Zeilen in 9 Strophen · zuerst gedruckt 1882
„Die Einen liegen todt mit ihren Wunden,Die Andern treiben wir daher gebunden –Den Römeraar der Zwillingslegion,Der eingegarnten Wölfin scharfen BissenIm Männerkampf, im Roßgestampf entrissen,Schwingt Divico, der Berge Sohn!“
Weit blaut die Seeflut. Scheltend jagen TreiberAm Ufer einen Haufen Menschenleiber,Die nackte Schmach umjauchzt Triumphgesang,Ein Jüngling kreist auf einem falben PferdeUm die zu Zwei’n gepaarte RömerheerdeDie Krümmen des Gestads entlang.
Er knickt den Aar mit einem stolzem Schreie,Er schickt den Ruf zur nahen Firnenreihe –Die Grät’ und Wände blicken groß und bleich –„Hebt, Ahnen, euch vom Silbersitz, zu schauenDie Pforte, die wir für den Räuber bauen,Der sich verstieg in euer Reich!
Wir bauen nicht mit Mörtel noch mit Steinen,Zwei Speere pflanzt! Querüber bindet einen!Zwei Römerköpfe drauf! Es ist gethan!“ –Das Joch umstehn verwogne KriegsgesellenMit Auerhörnern und mit BärenfellenUnd schauen sich das Bauwerk an!
Die Hörner dröhnen. Zu der blut’gen PforteStrömt her das Volk aus jedem Thal und Orte,Groß wundert sich am Joch die Kinderschaar,Ein Mädelreigen springt in heller FreudeUm das von Schande triefende Gebäude,Den blüh’nden Veilchenkranz im Haar.
Der Manlierstirn verzogne Brauen grollen,Des Claudierkopfs erhitzte Augen rollen –Der Hirtenknabe geißelt wie ein RindDen Brutusenkel. Sich durchs Joch zu bücken,Krümmt jetzt das erste Römerpaar den Rücken,Und gellend lacht das Alpenkind.
Mit starren Zügen blickt, als ob er spotte,Ein Felsenblock, der eigen ist dem Gotte,Drauf hoch des Landes Priesterinnen stehn:Ein hell Geschöpf in sonnenlichten FlechtenUnd eine Drude mit geballter RechtenUnd rabenschwarzer Haare Wehn.
Die Dunkle höhnt: „Geht, Römer! Schneidet Stecken!Wir rüsten euch zur Fahrt mit Bettelsäcken!Euch peitsch’ ein wildes Wetter durch die Schlucht!Verflucht der Steg, darüber ihr gekommen,Und wen ihr euch zum Führer habt genommen,Er sei am ganzen Leib verflucht!“
Die Lichte fleht: „Du blitzest in den Lüften,Umschwebst die Spitzen, nistest in den Klüften!Behüte, Geist der Firn’, uns lange noch!“Die Zweie singen starke Zauberlieder –Ein Geier hangt im Blau und stößt daniederUnd setzt sich schreiend auf das Joch.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 203–205, 1. Auflage, H. Haessel, Leipzig, 1882
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Das Joch am Leman“, Fassung 2.363.524 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.
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