Das Strandkloster
Conrad Ferdinand Meyer · 1825–1898
40 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt 1882
Bollwerk und Mauer trutzenDem Wellenwurf schon ein Jahrtausend ja,Wir singen, elf Capuzen,Ein kräftig schallend Deo gloria!
Die Kutten, stark gewoben,Umhingen uns in braunen Lappen lang,Sie sind gemach verstoben,Die Stäubchen irrten durch den Klostergang.
Die Orgel im EmporeSpielt unser zwölftes todtes Brüderlein,Hier rieselt uns im ChoreDer morsche Kalk sanft ins Geripp herein.
Es glitt vor tausend JahrenDem Strand ein Sarazenensegel nah,Sobald’s vorbeigefahren,Anstimmten wir ein kräftig Gloria.
Ergötzt von unserm Singen,Nahm der Pirat zu uns zurück den Lauf,Zwölf Köpfe ließ er springen,Das Blut schoß wie aus Brunnenröhren auf.
Wir singen ohne Kehlen,Wir sitzen fröhlich ohne Schädel da,Wir singen mit den SeelenEin kräftig schallend Deo gloria!
Der Morgenstrahl, der schiefe,Durchs rechte Fenster äugelt er herein,Vergoldend in der TiefeEin lustiglich psallierend Todtenbein.
Der Abendstrahl, der schräge,Durchs linke Fenster blinzelt er herein,Und zählt, ob allerwegeWir richtig unser elf Gespenster sei’n.
Oft übertäubt das DröhnenDes Meers die Noten unsrer Litanei,Aus unsern OrgeltönenErhebt sich oft ein schriller Möwenschrei –
Bollwerk und Mauer trutzenDem Wellenwurf noch tausend Jahre ja,Wir singen, elf Capuzen,Ein kräftig schallend Deo gloria!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 142–143, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Das Strandkloster“, Fassung 2.572.713 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.
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