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Versbuch

Das Münster

Conrad Ferdinand Meyer · 18251898

134 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1882

Des Meisters hohle Wange brennt,Sie bringen ihm das Sacrament,Er ißt des ewgen Lebens Brot,Im Stubenwinkel grinst der Tod.Fort trägt der Pfaffe die Monstranz.Mit Augen scharf von FieberglanzWinkt weg der Meister seinem Weibe,Dem Sohn, dem einz’gen, winkt er: Bleibe!Und deutet auf den Eichenschrein:Was mag da Köstlich’s drinnen sein?Der Jüngling hebt ein PergamentAus einer Lade die er kenntEr breitet auf die LagerstattEin langsam aufgerolltes Blatt.Da dehnt sich feierlich gewaltigEin Münster eins und mannigfaltigVom obern bis zum untern Rand –Ein Riß von jugendkühner Hand.Der Meister sieht am Bret sich stehnUnd seine Zeichenkohle gehn,Sieht über blühendfrische WangenVerworrne Haare niederhangen –Und vor dem ersten seiner PläneErstaunt er und zerdrückt die Thräne.Auflodern seine Lebensgeister,Mit raschen Pulsen spricht der Meister:„Dies Blatt erweckt den Tag mir wieder,Wo in der Vaterstadt ich niederGelegt den Stab der Wanderschaft –Ich schritt in voller Jugendkraft.Daheim war ein begeistert Leben,Ein Münster wollten sie erhebenMit andern Ländern um die WetteUnd höher noch als andre Städte,Gott und den Heil’gen all zum Ruhm,Zur Ehre deutschem Bürgertum.Mich ließ auf seine Stube kommenDer Rath. „Laß, junger Meister, frommen,Was du erwandert hast! Wohlan!Entwirf uns eines Münsters Plan!“

Da saß ich auf in langen Nächten,Zur Linken standen mir und Rechten,Der Christ mit seiner Märtrerschaar,Die Kaiser mit den Kronen gar,Viel reine Fraun und Helden gut,Die nahmen mich in Zucht und Hut,Wollt’ ich in schwelgendes Verzieren,In üppig Blattwerk mich verlieren,Und opfert’s nicht mit keuschem SinnDem Ganzen streng ich zu Gewinn,Gleich schlug ein altes HeldenbildErzürnt an seinen ehrnen Schild,Den Finger hob (das Haupt von LichtUmrahmt) ein Heil’ger: Tändle nicht!Das Amt, das dir zu Lehen fiel,Das ist ein Werk und ist kein Spiel!

Da war’s als ich die Kohle führte,Daß Gott der Geist das Werk berührte:Gemach begann der Dom zu schwebenUnd regte sich aus eignem Leben,Mich riß es über mich empor,Mit schlanken Stämmen wuchs der Chor,Gen Himmel blüht’ in Laub und RankeDer menschlich göttliche Gedanke –Das Münster stand auf meinem Blatte,Still dacht’ ich, Wer’s vollendet hatte.

Im Flur auf unserm städt’schen HausStellt’ ich das Blatt den Blicken aus,Und wie die Bürger nahe traten,Sprach Aller Mund: Du hast’s erraten!So und nicht anders soll es sein.Da legt’ ich meinen ersten Stein,Aus allen Herzen, allen HändenIn freud’ger Fülle quollen Spenden.Beschattend schon die HäusermasseEntstieg der Dom dem Lärm der GasseUnd wuchs mit abgemessnen Schritten,Die Wolken und die Jahre glitten,Doch karger werdend mit den Jahren,Begannen Hand und Herz zu sparen,Die Flamme der Begeistrung fielIn müde Asche vor dem Ziel.Erst sprach der Rath von kurzen Fristen,Und stiller ward’s auf den Gerüsten,Dann setzten neue Frist sie wieder,Das Baugestelle faulte nieder.Laut feilschte rings der Markt und summte,Sobald der Hammerschlag verstummte,Mit ekeln Buden ward verklebtDer Pfeiler, der nach oben strebt.Ich aber ging dem Brote nach,Baut’ Erkerlein und Giebeldach,Ein wackrer Lohnknecht wie die Andern.Doch Abends im NachhausewandernBei trauter Dämmerglocke KlangStand ich vor meinem Münster lang,Die Glut erklomm den höchsten Trümmer,Verglomm in letztem Tagesschimmer,Noch ging das Knabenspiel im BrausRings um das dunkelnd hohe Haus.Wohl hemmt ein Junge kurz den LaufUnd schaut am Münster trotzig auf –Dann runzelt’ ich die weißen BraunUnd dachte: Werden’s Diese baun?

Inzwischen schossen auf die Reiser,Sie wurden saft’ger und ich greiser.Jüngst irrt’ ich traurig und alleinUm meinen Dom im Abendschein,Ernst stand das junge Volk beisammen,Die kräft’gen Augen sprühten Flammen,Sie schienen warm sich zu verschwörenUnd redend nur auf sich zu hören,Ich schlich in ihre Nähe leis,Aus einem Munde sprach der Kreis:„Bei Gottes Haupte! Wir vollendenDen Dom mit diesen unsern Händen!“ …Ob sie den ersten Meister kennenDes Werks, das sie zu enden brennen?Nach den Gesichtern keck und neuBlickt’ ich hinüber still und scheu …Mit einem Male rief ein dreisterGesell: „Begrüßt den alten Meister!“Und riß die Kappe sich vom Haar,Da grüßte mich die ganze Schaar.

Habt Dank und Gottes Lohn, Gesellen!Ihr wollet die Gerüste stellen?Nicht ich – habt Dank und Gottes Lohn –Geht hin und rufet meinen Sohn!Wie wird mir? … Schallt im Dom das Amt?Die Glocken dröhnen allesamt …“Er faßt des Sohnes Rechte. „Schau!Es steigt … Mein Münster steigt im Blau!“Er starrt, den Blick emporgewendet.Er neigt das Haupt. Er seufzt: „Vollendet!“

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, S. 271–275, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
Digitalisat
de.wikisource.org — „Das Münster (Meyer)“, Fassung 2.549.933 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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