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Versbuch

Das Reiterlein

Conrad Ferdinand Meyer · 18251898

63 Zeilen in 9 Strophen · zuerst gedruckt 1882

Das Bächlein nimmt nach der Loire den Gang,An beiden SeitenAuf und ab, die Ufer entlangSpähn sie und reiten.Sie sind sich so nahe! Sie sind sich so fern!„Bon jour! meine Herrn!“Grüßt keck eine Stimme.

Ein feurig, unbändig ReiterleinSpringt ab behende,Setzt rechts ein Bein und links ein BeinIn beide Gelände:„Groß ist der Sonne Glut –Herrn, meint Ihr’s gut,Schafft eins zu trinken!“

Rechts kommt ein Pokal und links ein PokalVon verschiedener Helle,Der: schäumender ChampagnerstrahlDer andere: Purpurwelle –„Katholik? Calvinist?Hier ein Christ! Dort ein Christ!“Er schlürft aus beiden Bechern.

„Mit streitender TheologieMach’ ich mir nichts zu schaffen,Den Guisen überlaß ich sie,Den Weibern und den Pfaffen!Pred’gerrock? Meßgewand?Stich und Schuß! Mord und Brand!Ins Meer geschwemmte Leichen!

Bekennt mir, Herren, frei und frank:Wie thut ihr, wann Ihr dürstet?Ihr setzt Euch rittlings auf die BankUnd ruft nach Wein und bürstet!Zug und Schluck! Schluck und Zug!Noch ein Trunk! Nie genug!Die Einen wie die Andern.

Genießt Ihr wonn’ge MinnelustNach Dogmen oder Schulen?Kost alle nicht Ihr Brust an BrustMit Euren trauten Buhlen?Thört Ihr nicht? Trügt Ihr nicht?Schwört Ihr nicht? Lügt Ihr nicht?Die Einen wie die Andern.

Drum lassen wir auf sich bestehnDie Lehren die uns trennten,Da wir erbaulich einig gehnIn allen Elementen:Erntefest! Winzertanz!Aehrenkranz! Traubenkranz!Feldruhm und edle Waffen!

Spricht’s und es fährt ein elektrischer SchlagRundum und setzt Alles in Flammen:Frankreich hoch! Freudetag!Heut wächst es zusammen!Sie springen ins Wasser, sie waten im Fluß,Sie spitzen die bärtigen Lippen zum Kuß,Sie fallen sich all in die Arme.

Der Kleine drückt und küßt und herztSie alle wie alte Bekannte.„Wie aber, Herren, steht es,“ scherztEr, „mit dem Proviante?Alles her! Fleisch oder Fisch!Ihr seid geladen heut zu TischBei Heinrich von Navarra.“

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte S. 323–325, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
Digitalisat
de.wikisource.org — „Das Reiterlein“, Fassung 2.571.265 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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