Schäferliedchen
Kurt Tucholsky · 1890–1935
32 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1919
Der Kaiser ist ein braver Mann,doch leider nicht zu Haus,und mancher gute Bürgersmannzieht still sein Schnupftuch raus.Und er beweint so tränennaßden kaiserlichen Bann –und sonst noch was und sonst noch was,was ich nicht sagen kann.
Wie war sie schön, die große Zeit!Man fühlte sich als Gott.Man nutzte die Gelegenheitganz aus, bis zum Bankrott.Der Orden reiches Übermaßin manche Hände rannund sonst noch was und sonst noch was,was ich nicht sagen kann.
Sie standen tief im Flamenlandund tief im Russenreich.Es herrschte dort die starke Hand;bei Panjes galt das gleich.Sie nahmen mit den tiefen Haßvon Weib und Kind und Mannund sonst noch was und sonst noch was,was ich nicht sagen kann.
Und das ist alles nun dahin.Was Wunder, daß es klagt:„Weh, daß ich ohne Kaiser bin!Wie hat mir der behagt!“Sie machen sich die Äuglein naß,die Herren um Stresemann,und sonst noch was und sonst noch was,was ich nicht sagen kann.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Fromme Gesänge, S. 56-57, Felix Lehmann, Charlottenburg, 1919
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Schäferliedchen“, Fassung 2.345.128 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.
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