Walter Scotts Einzug in Abbotsford
Theodor Fontane · 1819–1898
64 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1905
Sir Walter, er zieht von Edinburg herGen Abbotsford, das noch öd’ und leer,Drum führt er mit sich, für Hof und Haus,Was ein Schloßherr braucht, jahrein jahraus:Kisten und Kasten, groß und klein,Diener, Doggen und Papagein,Und dazwischen alles, was jahrelangEr alterthümernd erwarb, errang, –Für ein Museum übergenug,Ein Dreiundzwanzig-Wagenzug.
Der erste Wagen, erinnerungsvollIst er an Bruce und Balliol:Ein Steinkreuz, ein Kamm, eine Todtenurn’,Alles vom Felde von Bannockburn,Auch ein Lehnschwert mit Runenschrift auf und ab,Das König Robert dem Douglas gab.
Auf dem zweiten: ein Felsstück aus dem Donjon,Drin gefangen saß Richard Coeur de Lion,Eine Harfe von Blondel (neu zu beziehn),Ein Säbel von Sultan Saladin,Eschenbogen und Tartsche von Robin HoodUnd ein Stock Bruder Tuck’s aus dem Nottingham-Wood.
Und auf dem dritten, von Nancy her,Das Zelt von Charles le Temeraire,Der Spieß, der dem Herzog, eh’ er’s gedachtVon Bauernhand den Tod gebracht;Barbierzeug (Becken von goldener Bronce)– Prachtstück aus den Tagen von Louis onze –Zuletzt auch die Leiter, drauf, Strick in Hand,Ehren-Tristan des Wink’s gewärtig stand.
Dann, bunt durcheinander, aus Heimat und Fremd’Erzne Schienen und ein Kettenhemd,Ein blutrother Mantel von Meister Hans,Ein Dragonersattel von Preston-Pans,Spinnrad und Spule von Königin Maud,Inful und Krummstab von Erzbischof Laud,Zwei Bildnisse, Kreid’ und in Pastell,Von der weißen Dame von Avenell,Eine Spitzenkrause, die Darnley trug,Eine dito von Bothwell, der Darnley erschlug,Eine Schildpatt-Wiege, drin einen Tag(Als man sie taufte) Queen Mary lag,Ihr Hinrichtungsblock aus Fothering-Hay,Gebetbuch der Johanna Gray,Kanzel und Sanduhr von John Knox,Eine Riesenperrücke des älteren Fox,Eine Cromwell-Pistole mit Kugel im Lauf,Von Floddenfield ein verrosteter Knauf,Aufthürmt sich’s (und mehr noch) Zoll um Zoll,Dreiundzwanzig Wagen voll.
Und auf dem letzten, sonnumblitzt,Sir Walter selber, ein Glücklicher, sitzt,Er lächelt und träumt und führt im GeistDen Stab schon, der allem die Stelle weist.Eine Stelle find’t jedes irgendwo,Sei’s in Quentin Durward, in Ivanho,Eine Stelle find’t jedes, früh oder spat,In Abt oder Kloster oder Pirat,Eine Stelle haben, finden sie,Sei’s in Woodstock oder in Waverlie.
Requisitenkammer, Schatzkammer noch mehr,So kommt der Zug von Edinburg her.Dreiundzwanzig Wagen. Nun ladet abUnd, Sir Walter, schwinge den Zauberstab!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, Seite 189–191, 10. Auflage, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin, 1905
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Walter Scotts Einzug in Abbotsford“, Fassung 1.718.160 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Theodor Fontane starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118534262 der Deutschen Nationalbibliothek.
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