Anlass
Gedichte zum Dank: acht Texte, keiner davon kurz
Zum Dank finden sich in dieser Sammlung acht Gedichte von sieben Verfassern. Das kürzeste hat 19 Zeilen, das längste 687; keines bleibt unter dreizehn Zeilen, für eine Karte lässt sich also nichts ungekürzt übernehmen. Wer hier etwas Passendes sucht, arbeitet mit einzelnen Strophen – und sagt das dazu.
8 Gedichte von 7 Verfasserinnen und Verfassern
Alle Gedichte: Dank
Zuerst die Gedichte, die das Stichwort schon im Titel tragen, danach die kürzeren vor den längeren. Jede Zeilenzahl ist gezählt.
- Danksagung an den BachWilhelm Müller · 20 Zeilen
- Kauderwelscher BettlerdankJoachim Ringelnatz · 19 Zeilen
- Fünftes FragmentKarl Streckfuß · 22 Zeilen
- Der SängerJohann Wolfgang von Goethe · 42 Zeilen
- Dem alten JahrRudolf Lavant · 73 Zeilen
- KainErich Mühsam · 117 Zeilen
- Maria StuartTheodor Fontane · 216 Zeilen
- Von der schönen RosamundeTheodor Fontane · 687 Zeilen
Dieselben Gedichte, anders sortiert
Die häufigste Frage vor der Auswahl ist die Länge. Jede Untergruppe nennt die Regel, nach der sie gebildet ist — gezählt, belegt oder aus unserer eigenen Ordnung.
Lang genug zum Vorlesen (3)
Dreizehn bis vierzig Zeilen — etwa ein bis drei Minuten laut gelesen. Gezählt.
- Danksagung an den BachWilhelm Müller · 20 Zeilen
- Kauderwelscher BettlerdankJoachim Ringelnatz · 19 Zeilen
- Fünftes FragmentKarl Streckfuß · 22 Zeilen
Aus dem 19. Jahrhundert und davor (5)
Der Verfasser starb vor 1900. Das Sterbejahr ist aus dem GND-Datensatz der Deutschen Nationalbibliothek belegt.
- Danksagung an den BachWilhelm Müller · 20 Zeilen
- Fünftes FragmentKarl Streckfuß · 22 Zeilen
- Der SängerJohann Wolfgang von Goethe · 42 Zeilen
- Maria StuartTheodor Fontane · 216 Zeilen
- Von der schönen RosamundeTheodor Fontane · 687 Zeilen
Aus dem 20. Jahrhundert (3)
Der Verfasser starb 1900 oder später. Ebenfalls aus dem GND-Datensatz belegt.
- Kauderwelscher BettlerdankJoachim Ringelnatz · 19 Zeilen
- Dem alten JahrRudolf Lavant · 73 Zeilen
- KainErich Mühsam · 117 Zeilen
Acht Dankgedichte, nach Länge sortiert
Acht Gedichte, sieben Verfasser: Theodor Fontane ist mit zwei Texten vertreten, Joachim Ringelnatz, Wilhelm Müller, Karl Streckfuß, Johann Wolfgang von Goethe, Rudolf Lavant und Erich Mühsam mit je einem. Das ist wenig, und die Zeilenzahlen machen es nicht besser. Kein einziger Text bleibt bei höchstens zwölf Zeilen, die Spannweite reicht von 19 bis 687 Zeilen. Für einen Anlass, bei dem die meisten vier Zeilen unter ein Dankeschön setzen möchten, ist dieser Teil des Bestands dünn. Das gehört an den Anfang und nicht in eine Fußnote.
Am nächsten kommt der Sache Joachim Ringelnatz’ „Kauderwelscher Bettlerdank“ von 1929. Neunzehn Zeilen, und die erste lautet „Ich danke dir für Wasser, Wein und Speise,“ – der einzige Anfang im Bestand, der den Dank sofort ausspricht. Wilhelm Müllers „Danksagung an den Bach“ folgt mit zwanzig Zeilen; die Druckausgabe ist mit 1906 angegeben, und der Text beginnt mit einer Frage: „War es also gemeint,“. Beide sind kurz genug, dass man sie vor einer Runde ganz vorlesen kann, ohne dass die Aufmerksamkeit abreißt.
Karl Streckfuß’ „Fünftes Fragment“ von 1804 hat 22 Zeilen und beginnt „Aber horch! es rauscht wie leise Tritte …“. Der Titel sagt bereits, dass es sich um ein Bruchstück handelt; wer den Text verwendet, sollte diesen Umstand mitnennen. Goethes „Der Sänger“ von 1827 ist mit 42 Zeilen deutlich länger und setzt ein mit „Was hör’ ich draußen vor dem Thor,“. Das sind rund vier Minuten laut gelesen – eine Länge, die eine Tischrede trägt, solange sie nicht deren einziger Programmpunkt bleibt.
Rudolf Lavants „Dem alten Jahr“ von 1884 zählt 73 Zeilen. Als erste Zeile ist dort „Gedicht von Rudolf Lavant.“ erfasst, eine Überschrift aus der Druckvorlage also, keine Verszeile; wer den Text nutzt, beginnt mit der Zeile darunter. Der Titel steht im Dativ, angesprochen wird das alte Jahr. Für eine Ansprache zum Jahresende, in der jemand einer Gruppe für zwölf Monate Arbeit dankt, ist das die naheliegendste Wahl unter diesen acht – trotz der Länge, die eine Kürzung nötig macht.
Drei Texte sind so lang, dass sich die Frage nach dem Anlass erledigt. Erich Mühsams „Kain“ von 1920 hat 117 Zeilen, Theodor Fontanes „Maria Stuart“ 216, und „Von der schönen Rosamunde“, ebenfalls von Fontane und ebenfalls aus einer Ausgabe von 1905, kommt auf 687 Zeilen. Bei beiden Fontane-Texten ist als erste Zeile „(Romanzen-Cyklus.)“ erfasst, die Zwischenüberschrift des Zyklus, aus dem sie stammen. Für eine Danksagung ist keiner der drei brauchbar; die Länge allein schließt sie aus.
Bleibt die Arbeit mit einzelnen Strophen. Aus einem Gedicht von zwanzig oder vierzig Zeilen lässt sich oft eine Strophe herauslösen, die für sich steht: vier bis acht Zeilen mit einem Satz, der zu Ende geht. Zwei Regeln halten das sauber. Erstens nur an Strophengrenzen schneiden. Zweitens die Kürzung kenntlich machen, etwa mit „Zweite Strophe aus …“ unter dem Zitat. Fehlt dieser Zusatz, sieht es aus, als hätte der Verfasser ein Achtzeilengedicht geschrieben, und das hat er nicht.
Gemeinfrei sind alle acht. Der Schutz endet siebzig volle Kalenderjahre nach dem Tod des Verfassers, und danach darf jeder mit dem Text machen, was er will: vervielfältigen, neu setzen, in eine Traueranzeige rücken, vertonen, gegen Geld verkaufen. Eine Erlaubnis holt dafür niemand mehr ein. Anders liegt der Fall bei Übersetzungen und bei neueren Bearbeitungen, die eigenständig geschützt sind (§ 3 UrhG). Wer also irgendwo eine moderne Nachdichtung aufliest, hat damit nicht denselben Freibrief wie mit der Fassung, die hier steht.
Nennen muss man die Herkunft nicht. Trotzdem ist eine Zeile darunter fast immer die bessere Entscheidung, gerade wenn ein Text vor Publikum läuft. „Wilhelm Müller: Danksagung an den Bach, 1906“ genügt vollkommen; wer die Ausgabe mitnennen möchte, findet sie bei jedem Text dieser Sammlung angegeben. Beim Zitat aus einem längeren Gedicht kommt die Strophenangabe in dieselbe Zeile. Das ist weniger juristische Vorsicht als Höflichkeit gegenüber der nächsten Person, die denselben Text sucht.
Die alten Schreibungen in diesen Texten sind keine Fehler. Goethes „Thor“ steht 1827 noch mit h, wie es damals üblich war; erst die orthographische Konferenz von 1901 hat das th in solchen Wörtern getilgt. Der Apostroph in „hör’“ vertritt das gesparte e, das der Vers nicht brauchen kann. Und der „Cyklus“ bei Fontane trägt 1905 das C, aus dem später ein K wurde. Wer solche Formen stillschweigend glättet, macht aus einem historischen Text eine halbmoderne Mischung. Besser stehen lassen.