Zum Inhalt springen
Versbuch

Schön-Margret und Lord William

Theodor Fontane · 18191898

84 Zeilen in 21 Strophen · zuerst gedruckt 1905

„Leb wohl, meine süße Margret!Ich hab eine stolze Braut,Morgen mit dem frühstenWerd ich ihr angetraut.

Leb wohl, meine süße Margret!Ich freie die stolze Maid,Am Kleide trag ich Hochzeit,Im Herzen trag ich Leid.“

Es kam der Hochzeitsmorgen,Zur Kirche schritt das Paar,Schön-Margret saß am FensterUnd strählte ihr blondes Haar.

Sie sah die Braut in Seide,In Sammet den Bräutigam,Sie legte schweigend niederDen elfenbeinernen Kamm.

Sie schritt zum Strom hinunterUnd brach ein Blümlein da,Das Blümlein war sie selber; –Ein Fischer sie treiben sah. –

Nun blinken die stillen SterneUeber dem Hochzeitshaus,Musik ist längs verklungen,Die Lichter loschen aus.

Lord William hält in ArmenDie stolze, die braune Maid; –Da horch, was rauscht vorüberIn weißem, wallendem Kleid?

Was stellt sich ihm zu FüßenUnd lächelt in Thränen noch?Was flüstert ihm zu: „lieb William,Leb wohl, ich liebe Dich doch!“ –

Aufblitzt die Morgensonne,Die Vöglein singen vom Baum,Lord William spricht: „lieb LadyIch hatt’ einen bösen Traum.

Ich sah zwei rothe Rosen,Und die eine liebt’ ich heiß,Und als ich brach die andere,Da wurde die Eine – weiß.“

Lord William steigt zu Rosse,Seine Diener reiten mit,Er weiß nicht, soll er jagenOder soll er reiten im Schritt.

Er kommt an Margret’s Fenster,Keine Margret dran zu sehn,Er tritt in Haus und Halle, –Da wußt er, was geschehn.

Sieben Brüder stehend schweigendUm ihrer Schwester Bahr’,Noch blinken WassertropfenIn ihrem goldnen Haar.

„Ich liebte Dich im Leben,Ich liebe Dich im Tod, –Deine Lippen, könnt’ ich sie küssenBis daß sie wieder roth.“

Da murrten die sieben Brüder,Und der älteste sprach laut:„Lord William, willst Du küssen,So küss’ Deine stolze Braut.“

„Wenn meine Braut ich küsse,Küss’ ich nach Recht sie nur, –Ich brach Euer Schwester Herze,Doch brach ich keinen Schwur.

Zu Tisch nun, liebe Mannen!Die Tafel blinkt von Wein,Morgen mit dem frühstenSoll neu gedeckt sie sein.“

Wohl war sie neugedecketNoch eh der Morgen kam:Schön-Margret starb aus Liebe,Lord William starb aus Gram.

Er ward im Chor bestattet,Und siehe, Schön-Margret auch;Sein Grab trug einen Weißdorn,Ihrs einen Rosenstrauch.

Sie wuchsen bis zum DacheUnd reichten sich da die Hand,Kein Auge sah die BeidenDas nicht in Thränen stand.

Der Küster hieb sie niederUnd warf sie in die Flamm,Sie aber wuchsen wieder: –Treue Liebe kommt zusamm.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, Seite 378–381, 10. Auflage, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin, 1905
Digitalisat
de.wikisource.org — „Schön-Margret und Lord William“, Fassung 2.345.148 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Theodor Fontane starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118534262 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

Mehr von Theodor Fontane

Alle Gedichte von Theodor Fontane ansehen

Gedichte aus dieser Epoche: Realismus

Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.