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Versbuch

Fritz Katzfuß

Theodor Fontane · 18191898

85 Zeilen in 2 Strophen · zuerst gedruckt 1905

Fritz Katzfuß war ein siebzehnjähr’ger Junge,Rothaarig, sommersprossig, etwas faulUnd stand in Lehre bei der Wittwe Marzahn,Die geizig war und einen Laden hatte,Drin Hering, Schlagwurst,Datteln, Schweizerkäse,Sammt Pumpernickel, Lachs und ApfelsinenEin friedlich Dasein mit einander führten.Und auf der hohen, etwas schmalen Leiter,Mit ihren halb schon weggetret’nen Sprossen,Sprang unser Katzfuß, wenn die Mädchen kamen,Und Soda, Waschblau, Gries, Korinthen wollten,Geschäftig hin und her.Ja, sprang er wirklich?Die Wahrheit zu gestehn, das war die Frage.Die Mädchen, deren Schatz oft draußen paßte,Vermeinten ganz im Gegentheil, „er nöle,“Sei wie verbiestert und durchaus kein „Katzfuß“.Im Laden, wenn Frau Marzahn auf ihn passe,Da ging’ es noch, wenn auch nicht grad’ aufs Beste,Das Schlimme käm’ erst, wenn er wegen Selter-Und Sodawasser in den Keller müsse,Das sei dann manchmal gradzu zum Verzweifeln,Und wär’ er nicht solch herzensguter Junge,Der nie was sage, nie zu wenig gebe,Ja, meistens, daß die Wagschal’ überklappe,So wär’s nicht zu beleben.Und nicht besserKlang, was die Herrin selber von ihm sagte,Die Wittwe Marzahn. „Wo der dumme JungeNur immer steckt? Hier vorne muß er flink sein,Doch soll er über’n Hof und auf den Boden,So dauert’s ewig, und ist gar GeburtstagVon Kaiser Wilhelm oder SedanfeierUnd soll der Stock ’raus mit der preuß’schen Fahne(Mein selger Marzahn war nicht für die deutsche),Fritz darf nicht ’rauf, – denn bis DreiviertelstundenIst ihm das Mind’ste.“So sprach Wittwe MarzahnUnd kurz und gut, Fritz Katzfuß war ein Räthsel,Und nur das Eine war noch räthselvoller,Daß, wie’s auch drohn und donnerwettern mochte,Ja, selbst wenn Blitz und Schlag zusammenfielen,Daß Fritz nie maulte, greinte, wüthend wurde;Nein, unverändert blieb sein stilles LächelnUnd schien zu sagen: „Arme Kreaturen,Ihr glaubt mich dumm, ich bin der Ueberlegne.Kramladenlehrling! Eure Welt ist Kram,Und wenn ihr Waschblau fordert oder Stärke,Blaut zu, so viel ihr wollt. Mein Blau der Himmel.“

So ging die Zeit und Fritz war wohl schon siebzehn;Ein Oxhoft Apfelwein war angekommenUnd lag im Hof. Von da sollt’s in den Keller.Fritz schlang ein Tau herum und weil die HitzeGroß war und drückend, was er wenig liebte,So warf er seinen Shirting-Rock bei Seite,Nicht recht geschickt, so daß der KragenhängselNach unten hing. Und aus der VordertascheGlitt was heraus und fiel zur Erde. Lautlos.Fritz merkt’ es nicht. Die Wittwe Marzahn aberSchlich sich heran und nahm ein Buch (das war es)Vom Boden auf und sah hinein: „Gedichte.Gedichte, 1. Theil, von Wolfgang Goethe.“Zerlesen war’s und schlecht und abgestoßenUnd Zeichen eingelegt: ein Endchen Strippe.Briefmarkenränder, und als dritt’ und letztes(Zu glauben kaum), ein Streifen Schlagwurstpelle,Die Seiten links und rechts befleckt, befettet,Und oben stand, nun was? stand „Mignonlieder“,Und Wittwe Marzahn las: „Dahin, dahinMöcht’ ich mit Dir, o mein Geliebter, ziehn.“Nun war es klar. Um so ’was träg und langsam,Um Goethe, Verse, Mignon.Armer Lehrling,Ich weiß Dein Schicksal nicht, nur eines weiß ich:Wie Dir die Lehrzeit hinging bei Frau Marzahn,Ging mir das Leben hin. Ein Band von GoetheBlieb mir bis heut mein bestes Wehr und Waffen,Und wenn die Wittwe Marzahns mich gepeinigt,Und dumme Dinger, die nach Waschblau kamen,Mich langsam fanden, kicherten und lachten,Ich lächelte, grad so wie Du gelächelt,Fritz Katzfuß, Du mein Ideal, mein Vorbild.Der Band von Goethe gab mir Kraft und Leben,Vielleicht auch Dünkel … All genau dasselbe,Nur andres Haar und – keine Sommersprossen.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, Seite 64–66, 10. Auflage, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin, 1905
Digitalisat
de.wikisource.org — „Fritz Katzfuß (Fontane)“, Fassung 2.099.649 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Theodor Fontane starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118534262 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.