Schön-Anne
Theodor Fontane · 1819–1898
86 Zeilen in 14 Strophen · zuerst gedruckt 1851
1.
Schön-Anne strählt ihr schwarzes Haar,Und hängt den Kopf in Trauer;Sie spricht: „heut werd’ ich zwanzig JahrUnd Jugend hat nicht Dauer;Wenn ich ein Herz noch finden soll,Recht wie mein eignes liebevoll,So muß ich’s balde finden.“
Der Tag ist um; neugierig-bangLegt Anne sich die Karten:„Ein Jahr noch!“ ach, es ist so lang,Bis über’s Jahr zu warten;Sie seufzet: „wär’ erst wieder Mai,Nicht eher athm’ ich froh und frei,Bis ich ein Herz gefunden.“
Das Jahr ist um, der Mai ist daMit seinen Blumen allen,Wohl mochte Manchem, der sie sah,Die hübsche Dirn’ gefallen;Doch Anne war ein Waisenkind,Und wo nicht Hof und Truhe sind,Da hat die Lieb’ ein Ende.
Das Jahr ist um, und Anne spricht:„Gott, diese HerzensleereTrag ich geduldig länger nicht,Und kostet’s Ruf und Ehre;Die Eltern hab ich kaum gekannt,Niemals ein Herze mein genannt,Ich will ein Herz besitzen.
Und als der Sonntag Abend kamDa ging sie hin zum Tanze,Sie fragte nichts nach Schand’ und Scham,Und nichts nach ihrem Kranze, –Sie suchte sich den Hübsch’sten aus,Und nahm ihn keck mit sich nach Haus; –Es war ihr fester Wille.
„Ich hab ein Recht!“ der eitle WahnLieß keinen Spott sie scheuen,Sie sprach: „ich weiß, was ich gethan,Und nimmer soll’s mich reuen;Was mir das Leben schuldig ist,Das soll mir nun in kurzer FristMein eigen Kind bezahlen.“
2.
Und über’s Dorf ging Jahr um Jahr,Aufschoß manch schlanke Tanne,Sie aber, die „Schön-Anne“ war,Heißt lang nun „Mutter Anne“;Jetzt, wenn im Krug brav Tänzer sind,Geht schon der schönen Anne Kind,Im Sonntagsschmuck zu Tanze.
Was weint die Mutter Anne so,Und stützt den Kopf in Sorgen?Schlägt ihr das Mutterherz nicht frohAn jedem neuen Morgen?Die Tochter kommt vom Tanz nach Haus,Die Mutter spricht: „bliebst lange aus,Kind, halte Dich in Ehren!“
Die Tochter zieht ein schnippsch Gesicht,Und spricht: „laß mich nur machen!Ich dächt, ich hielt’ auf Ehr und Pflicht,Und – kann mich selbst bewachen;Und wenn ich leicht und locker wär’,Es käm wohl nicht von ungefähr,Hat alles seine Gründe.
„Du sagst mir oft, mein Vater seiVor Jahren schon gestorben,Doch hat mir manche NeckereiDen Glauben dran verdorben;Wohl schuld ich dieses Leben Dir,Doch, weiß es Gott, oft wünsch ich mir,Ich wäre nicht geboren.“
Sie spricht’s, ihr schwarzes Auge glüht,Die Thür ist zugeflogen,Und um die letzte Hoffnung siehtArm-Anne sich betrogen;Sie seufzt: „das also ist der Lohn,Um den ich allen Spott und HohnMein Lebelang getragen!“
Dann aber betet sie bewegt:„Gott, es ist mein Verschulden!Was uns Dein Wille auferlegt,Geziemet uns zu dulden; –Entsagen kann die wahre Lieb’,Es war die Selbstsucht die mich trieb,Und bitter muß ich’s büßen.“
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 121–127, 1. Auflage, Carl Reimarus’ Verlag. W. Ernst., Berlin, 1851
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Schön-Anne“, Fassung 3.027.987 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Theodor Fontane starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118534262 der Deutschen Nationalbibliothek.
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