Seydlitz
Theodor Fontane · 1819–1898
138 Zeilen in 20 Strophen · zuerst gedruckt 1905
1.Herr Seydlitz auf dem Falben.
Herr Seydlitz auf dem FalbenSprengt an die Front heran,Sein Aug’ ist allenthalben,Er mustert Roß und Mann,Er reitet auf und niederUnd blickt so lustig drein,Da wissen’s alle Glieder:Heut wird ein Tanzen sein.
Noch weit sind die Franzosen;Doch Seydlitz will zu Ball,Die gelben Lederhosen,Sie sitzen drum so prall;Schwarz glänzen Hut und Krämpe,Im Sonnenschein zumal,Und gar die blanke PlempeBlitzt selbst wie Sonnenstrahl.
Sie brechen auf von Halle,Die Tänzer allbereit,Bis Gotha hin zu BalleIst freilich etwas weit,Doch Seydlitz, vorwärts trabend,Spricht: „Kinder, wohlgemuth!Ich denk’, ein lust’ger AbendMacht Alles wieder gut.“
Die Nacht ist eingebrochen;Zu Gotha, auf dem Schloß,Welch Tanzen da und KochenIn Saal und Erdgeschoß,Die Tafel trägt das BesteAn Wein und Wild und Fisch, –Da, ungebet’ne GästeFührt Seydlitz an den Tisch.
Die Witz- und Wortspiel-JägerSind fort mit einem Satz,Die Schwert- und Stulpen-TrägerSie nehmen hurtig Platz;Herr Seydlitz bricht beim ZechenDen Flaschen all den Hals,Man weiß, das HälsebrechenVerstund er allenfalls.
Getrunken und gegessenHat Jeder, was ihm scheint,Dann heißt es: „aufgesessenUnd wieder nach dem Feind!“Der möchte sich verschnaufen,Und hält bei Roßbach an,Doch nur, um fortzulaufenMit neuen Kräften dann. –
Das waren Seydlitz Späße;Bei Zorndorf galt es Zorn,Als ob’s im Namen säße,Nahm man sich da auf’s Korn;Das slavische Gelichter –Herr Seydlitz hoffte traunNoch menschliche GesichterAus ihnen zuzuhau’n.
Des Krieges Blutvergeuden,Die Fürsten kriegten’s satt;Nur Seydlitz wenig FreudenAn ihrem Frieden hat,Oft jagt er drum vom MorgenBis in die Nacht hinein,Es können dann die SorgenSo schnell nicht hinterdrein.
Er kam nicht hoch zu Jahren,Früh trat herein der Tod:Könnt’ er zu Rosse fahren,Da hätt’s noch keine Noth;Doch auf dem Lager, baldeHat ihn der Tod besiegt,Der draußen auf der HaldeNoch lang’ ihn nicht gekriegt.
2.Seydlitz und der Bürgermeister von Ohlau.
In Ohlau, der Bürgermeister der StadtEine weiße Zippelmütze hat; –Gegenüber im CommandantenhausSieht Seydlitz Morgens zum Fenster hinaus.
Und jeden Morgen, unentwegt,Sich auch Zippelmütz ins Fenster legt,Und wenn der Seydlitz drüben schmaucht,Auch Zippelmütze sein Pfeifchen raucht,Und wenn der Seydlitz zum Räuspern ruckt,Hat Zippelmütze schon ausgespuckt.
Das ärgert den Seydlitz. „Philistergesicht.Affront dazu; das lieb ich nicht.“Und er nimmt Pistolen links von der Wand,Zielt hinüber mit sichrer Hand,Zielt und schießt auf dreißig Schritt,Eine zweite Kugel und nun eine dritt’,Es spritzt der Kalk; – der drüben heiterZieht seine Mütze, raucht aber weiter,Und Seydlitz lacht: „Verfluchte Visage.Aber der Kerl hat Courage.“
Das war im Frieden. Nun steht die Schlacht:Seydlitz wartet und Seydlitz wacht,Anstrahlt ihn der Ruhm, er steigt zu Pferde,Hundert Schwadronen, es donnert die Erde;Gestern in Ohlau im Fenster liegen,Heute bei Zorndorf siegen, siegen, –Wie kam der Wandel! Fragt nicht wie.Klein im Kleinen, im Großen Genie.
3.Und Calcar das ist Sporn.
In Büchern und auf Bänken,Da war er nicht zu Haus,Ein Pferd im Stall zu tränken,Das sah schon besser aus;Anschnallt er die silbernen Sporen,Blaustählern war der Dorn, –Zu Calcar war er geborenUnd Calcar, das ist Sporn.
Es sausen die Windmühlflügel,Es klappern Leiter und Steg,Da, mit verhängtem ZügelGeht’s unter dem Flügel weg,Und bückend sich vom Pferde,’nen vollen Büschel KornAusreißt er aus der Erde, –Hei, Calcar, das ist Sporn.
Sie reiten über die BrückenUnd Friedrich scherzt: „Je nun,Hie Feind in Front und Rücken,Seydlitz, was würd’ Er thun?Der, über die Brückenwandung,Spornt er halblinks nach vorn,Der Strom schäumt auf wie Brandung –Ja, Calcar, das ist Sporn.
Und andre Zeiten wieder;O kurzes Heldenthum,Zu Tode liegt er daniederUnd lächelt: „was ist Ruhm?Ich höre nun allerwegenEines stärkeren Reiters Horn,Aber auch ihm entgegen, –Denn Calcar, das ist Sporn.“
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, Seite 261–266, 10. Auflage, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin, 1905
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Seydlitz (Fontane)“, Fassung 1.771.510 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Theodor Fontane starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118534262 der Deutschen Nationalbibliothek.
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