Schleswigs Ostertag 1848
Theodor Fontane · 1819–1898
66 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1905
Ich denke Deiner, Ostertag:Ein Nebel über Schleswig lag,Ueber Schleswig-Stadt, über Schleswig-Land –Der Däne hielt uns wieder in Hand,Er hielt Schloß Gottorp, er hielt die Schlei,Unser kurzer Traum war wieder vorbei;Ein Nebel über Schleswig lag,Achtundvierzig, am Ostertag.
Und über die Stadt und über den Strom,Die Glocken riefen in den Dom,Und ehe das erste Lied erscholl,Von Betern war die Kirche voll,Betende Männer, betende Frau’nIn schwarzem Festkleid alle zu schau’n,Dazwischen aber (bittre Noth)Leuchtende Punkte von Dänisch-roth.
Und bis an die Kanzel traten wir hin,Zwischen Hoffen und Bangen ging unser Sinn,Von Auferstehung der Geistliche sprach,Wir hingen seinen Worten nach,Seinem Wort von dem abgewälzten Stein,Wir mischten viel Weltliches mit ein,Wenn’s Sünde war, es war nicht gewollt; – –Horch, es donnert! wie dumpf es rollt.
Ein Ostergewitter? Es kann nicht sein,Durch die hohen Fenster fällt Sonnenschein,Es fällt, wie suchend, gedämpft und mildAuf das eichengeschnitzte Altarbild,Auf die zwanzigfeldrige breite WandVon Meister Brüggemann’s eigener Hand,Der Felder eines schwimmt wie in Gold, – –Horch, zum zweiten, es donnert, es rollt.
Es rollt wie näher, die Fenster klirr’n,Aller Blicke hinüber, herüber irr’n,Es fragen die Augen bei Freund und Feind,Ein Flüstern geht leise: „Was ist gemeint?“Und ehe noch flüsternd die Antwort geht,Vom Eingang her ein Zugwind weht,Weit offen die Thür; was giebt’s, was ist?In das Mittelschiff tritt ein Dän’scher HornistUnd in die Kirche hinein, vom Portal,Bläst er Generalmarsch, Signal auf Signal.
Ein Rasseln, ein Lärmen. Still wieder das Haus,Die rothen Punkte loschen aus,Was deutsch in Schleswig wollte sein,War wieder in Schleswigs Dom allein.Und wie Hülfe suchend und Trost und Ruh,Den Stufen des Altars drängten wir zu,Dicht zu; der Geistliche aber spricht:„Herr, Du bist unsre Zuversicht!Da ist kein Jäger, der uns schreckt,So lange uns Dein Fittich deckt,Ob tausend fallen an unsrer Seit’,Du bist unser Schirm in jedem Streit,
Du stellst Deinen Engel an unsre Thür,Uns zu behüten für und für,Wir rufen Deinen Namen an,Hilf uns, wie Du so oft gethan,Zersplittre unsrer Feinde Spott,Du bist unsere Burg, Du bist unser Gott,Blende die Wächter, wälz’ ab den Stein,“ –Er schwieg. Wie Trommeln klang es herein,Lustiger Preußischer Trommelschlag,Heller Mittag über Schleswig lag,Heller Mittag über Schloß und Schlei, –Ostern war und das Land war frei.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, Seite 285–287, 10. Auflage, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin, 1905
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Schleswigs Ostertag 1848 (Fontane)“, Fassung 1.678.619 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Theodor Fontane starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118534262 der Deutschen Nationalbibliothek.
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