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Versbuch

Die Brück’ am Tay

Theodor Fontane · 18191898

74 Zeilen in 20 Strophen · zuerst gedruckt 1905

(28. December 1879.)

When shall we three meet again.Macbeth.

„Wann treffen wir drei wieder zusamm?“„Um die siebente Stund’, am Brückendamm.“„Am Mittelpfeiler.“„Ich lösche die Flamm.“„Ich mit.“

„Ich komme vom Norden her.“„Und ich von Süden.“„Und ich vom Meer.“

„Hei, das giebt ein Ringelreihn,Und die Brücke muß in den Grund hinein.“

„Und der Zug, der in die Brücke trittUm die siebente Stund’?“„Ei der muß mit.“„Muß mit.“

„Tand, Tand,Ist das Gebilde von Menschenhand!“* * *

Auf der Norderseite, das Brückenhaus –Alle Fenster sehen nach Süden aus,Und die Brücknersleut’, ohne Rast und RuhUnd in Bangen sehen nach Süden zu,Sehen und warten, ob nicht ein LichtUeber’s Wasser hin „ich komme“ spricht,„Ich komme, trotz Nacht und Sturmesflug,Ich, der Edinburger Zug.“

Und der Brückner jetzt: „Ich seh’ einen ScheinAm anderen Ufer. Das muß er sein.Nun, Mutter, weg mit dem bangen Traum,Unser Johnie kommt und will seinen Baum,Und was noch am Baume von Lichtern ist,Zünd’ Alles an wie zum heiligen Christ,Der will heuer zweimal mit uns sein, –Und in elf Minuten ist er herein.

* * *

Und es war der Zug. Am SüderthurmKeucht er vorbei jetzt gegen den Sturm,Und Johnie spricht: „Die Brücke noch!Aber was thut es, wir zwingen es doch.Ein fester Kessel, ein doppelter Dampf,Die bleiben Sieger in solchem Kampf,Und wie’s auch rast und ringt und rennt,Wir kriegen es unter: das Element.

„Und unser Stolz ist unsre Brück’;Ich lache, denk’ ich an früher zurück,An all den Jammer und all die NothMit dem elend alten Schifferboot;

Wie manche liebe ChristfestnachtHab ich im Fährhaus zugebracht,Und sah unsrer Fenster lichten Schein,Und zählte, und konnte nicht drüben sein.“

Auf der Norderseite, das Brückenhaus –Alle Fenster sehen nach Süden aus,Und die Brücknersleut’ ohne Rast und RuhUnd in Bangen sehen nach Süden zu;Denn wüthender wurde der Winde Spiel,Und jetzt, als ob Feuer vom Himmel fiel’,Erglüht es in niederschießender PrachtUeberm Wasser unten … Und wieder ist Nacht.

* * *

„Wann treffen wir drei wieder zusamm?“„Um Mitternacht, am Bergeskamm.“„Auf dem hohen Moor, am Erlenstamm.“

„Ich komme.“„Ich mit.“

„Ich nenn’ euch die Zahl.“„Und ich die Namen.“„Und ich die Qual.“

„Hei!Wie Splitter brach das Gebälk entzwei.“

„Tand, Tand,Ist das Gebilde von Menschenhand.“

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, Seite 202–204, 10. Auflage, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin, 1905
Digitalisat
de.wikisource.org — „Die Brück’ am Tay (Fontane, 1905)“, Fassung 1.661.145 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Theodor Fontane starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118534262 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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