Der alte Derffling
Theodor Fontane · 1819–1898
56 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1905
Es haben alle StändeSo ihren Degenwerth,Und selbst in SchneiderhändeKam einst das Heldenschwert;Drum jeder, der da zünftigMit Nadel und mit Scheer’,Der mache jetzt und künftigVor Derffling sein Honneur.
In seinen jungen TagenWar das ein Schneiderblut,Doch mocht’ ihm nicht behagenSo Zwirn wie Fingerhut,Und wenn er als GeselleSo saß’ und fädelt’ ein,Schien ihm die SchneiderhölleDie Hölle selbst zu sein.
Einst als das NadelhaltenIhm schier an’s Leben ging,Dacht’ er: „das SchädelspaltenIst doch ein ander Ding;“Fort warf er Maaß und ElleVoll Kriegslust an die Wand,Und nahm an Nadels StelleDen Säbel in die Hand.
Sonst focht er still und friedlichNach Handwerksburschen-Recht,Jetzt war er unermüdlichBeim Fechten im Gefecht;Es war der flinke SchneiderZum Stechen wohl geschickt,Oft hat er an die KleiderDem Feinde was geflickt.
Er stieg zu hohen Ehren,Feldmarschall ward er gar,Es mocht’ ihn wenig kehren,Daß einst er Schneider war;Nur fand er einen Spötter,Verstund er keinen Spaß,Und brummte: „für HundsfötterIst hier mein Ellenmaaß.“
Krank lag in seinem SchlosseDer greise Feldmarschall,Keins seiner LieblingsrosseKam wiehernd aus dem Stall;Er sprach: „als alter SchneiderWeiß ich seit langer Zeit,Man wechselt seine Kleider, –Auch hab’ ich des nicht leid.
„Eh fehlt der alten HülleIn Breite schon und Läng’Der Geist tritt in die Fülle,Der Leib wird ihm zu eng;Gesegnet sei Dein Wille,Herr Gott, in letzter Noth!“Er sprach’s, und wurde stille, –Der alte Held war todt.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 255–256, 10. Auflage, J. G. Cotta, Stuttgart und Berlin, 1905
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der alte Derffling“, Fassung 4.806.956 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Theodor Fontane starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118534262 der Deutschen Nationalbibliothek.
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