In Hangen und Bangen
Theodor Fontane · 1819–1898
61 Zeilen in 17 Strophen · zuerst gedruckt 1905
1.
Ach, daß ich Dich so heiß ersehne,Weckt aller Himmel Widerspruch,Und jede neue bittre ThräneMacht tiefer nur den Friedensbruch.
Der Götter Ohr ist Keinem offen,Der sich zergrämt in banger Nacht, –Komm Herz, wir wollen gar nichts hoffen,Und sehn ob so das Glück uns lacht.
Vergebnes Mühen, eitles Wollen,Die Lippe weiß kaum, was sie spricht,Und, nach wie vor, die Thränen rollenMir über Wang und Angesicht.
2.
Du holde Fee, mir treu gebliebenAus Tagen meiner Kinderzeit,Was hat Dich nun verscheucht, vertriebenDu stille Herzensheiterkeit?
Leicht trugst Du, wie mit Wunderhänden,Mich über Gram und Sorge fort,Und selbst aus nackten FelsenwändenRief Quellen mir Dein Zauberwort.
Du, Trostesreichste mir vor allen,Kehr neu-beflügelt bei mir einUnd laß Dein Lächeln wieder fallenAuf meinen Pfad wie Vollmondschein.
3.
„Vertrauen, schönster Stein in Königskronen,Du Mutter aller Liebe, und ihr Kind,Du einzig Pfühl, auf dem wir sorglos schlummern,Ich rufe Dich, kehr’ wieder in dies Herz!Es giebt kein Glück, wo Du den Rücken wandtest,Es giebt kein Unglück, lächelst Du auf’s Neu;Laß kämpfen mich in Deinem Spruch und Zeichen,Und wieder wird das Leben mir zum Sieg.“
4.
Storch und Schwalbe sind gekommen,Veilchen auch, die blauen frommenFrühlingsaugen grüßen mich;Aber hin an Lenz und LebenZieh in Bangen ich und Beben –Um Dich.
Ach, um Dich! und doch ich fühle,Träte jetzt die TodeskühleAn mein Herz, und riefe mich,Wie ein Kind dann, unter JammernWürd’ ich mich an’s Leben klammern –Um Dich.
5.
Zerstoben sind die Wolkenmassen,Die Morgensonn’ in’s Fenster scheint:Nun kann ich wieder mal nicht fassen,Daß ich die Nacht hindurch geweint.
Dahin ist alles was mich drückte,Das Aug’ ist klar, der Sinn ist frei,Und was nur je mein Herz entzückte,Tanzt wieder, lachend, mir vorbei.
Es grüßt, es nickt; ich steh betroffen,Geblendet schier von all dem Licht:Das alte, liebe, böse Hoffen –Die Seele läßt es einmal nicht.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, Seite 18-20, 10. Auflage, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin, 1905
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „In Hangen und Bangen (Fontane)“, Fassung 1.587.429 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Theodor Fontane starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118534262 der Deutschen Nationalbibliothek.
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