Das Bristol-Trauerspiel
Theodor Fontane · 1819–1898
283 Zeilen in 71 Strophen · zuerst gedruckt 1851
oderCharles Bawdin’s Tod.(Nach Thomas Chatterton.)
Aufdämmert der Tag, der Hahn kräht hell,Blaß schimmert des Mondes Horn,Und im Morgenrothe der Tropfen ThauGlitzert am Hagedorn.
König Edward aber nicht HahnenschreiRief ihn vom Schlummer wach;Drei Raben weckten ihn mit GekreischOben am Wetterdach.
Und der König fuhr auf: „beim ewigen Gott,Ich versteh’ euer Mahnen und Schrein;Charles Bawdin, der soll sterben heutUnd eure Speise sein!“
Der König rief’s; eine Kanne WeinLeert’ er bis auf den Grund;Ritter Canning stand zu Seiten ihm, –Dem war das Herze wund.
Und Canning sprach: „mein König und HerrVergieße nicht Bawdin’s Blut,Was immer er dir Böses that,Ihm galt es brav und gut.
„Dem Lankasterkönig hat er gedientOffen und sonder Scheu,O Herr, an Deinem Feinde auchEhre Muth und Treu.“
Er sprach’s. Noch schwieg der Ritter kaum,Da zürnet der König und schnaubt:„Eh Sternenschein auf die Erde fällt,Fällt heut Charles Bawdin’s Haupt.
„Er war ein Verräther, er hat seine HandIn’s Blut der Yorks getaucht,Nicht eher hab’ ich Rast noch RuhBis seines gen Himmel raucht!“
Drauf Canning ernst: „nur Gnade HerrMachet des Siegs Dich werth;Den Oelzweig und die Palme nimmNicht aber das Racheschwert.
„Gedenk, wir Menschen allzumalSind nur an Sünde groß,Ein Einziger auf Sankt Petri StuhlIst schuld- und fleckenlos.
„Vergieb! das festiget Dir auf’s HauptDie kaum gewonnene Kron’Und trägt Dein Scepter fort und fortAuf Enkel und Enkelsohn;
„Doch willst in Haß, mit blutigem ThauBespritzen Du Dein Kleid,So reißen finstre Mächte DirVom Haupte das Goldgeschmeid.“
Der König hört’s. „Fort, Canning, fort!So lange Charles Bawdin lebtWill dürsten ich, und ob am GaumMir auch die Zunge klebt.
Die Sonne, die da drüben steigtSoll seine letzte sein!“Der König schwieg, in Cannings BartRann eine Thrän’ hinein.
Und durch die Gassen, trüben Sinn’s,Alsbald der Ritter schlich;In Bawdin’s Kerker trat er ein,Und weinte bitterlich.
Der sah des Alten Herzeleid;Er trat an ihn heran:„Zu sterben, Freund, ist Menschenloos,Was thut es „wie“ und „wann“!
„Mir war das Schicksal dieses TagsVon Anbeginn bestimmt;Demüthig trägt ein ChristenherzWas Gott ihm schickt und nimmt.
„Mir ist der Tod Erlösung nurVon Allem, was ich litt; –Was hast Du, daß in’s Auge DirDie Mannesthräne tritt?!“
Sprach Canning: „wohl um Deinen TodHab ich der Thränen viel,Doch denk ich an Dein Weib und KindFind ich nicht Maaß nicht Ziel.“
„Dann trockne Dir die Thränen schnell“, –Klang Bawdin’s Stimme da –„Der Wittwen und der Waisen GottIst auch den meinen nah.
„Mich mag er meucheln der Tyrann,Der frech sich König nennt;Doch weiß ich, daß ihn Gottes HandVon meinen Kindern trennt.
„Und, Canning, ohne Bangen traunThu’ ich den letzten Gang;Hab ja dem Tod in’s Aug’ gesehnEin halbes Leben lang.
„Wie oft, wenn guten Schwertes HiebHell durch die Lüfte pfiff,Und blindlings in die Schlacht hineinDer Tod nach Beute griff, –
„Wie oft dann sah er wild mich an!Ich starrt ihm in’s Gesicht;Er hob die Hand zum Speereswurf, –Galt mir’s? ich wußt es nicht.
„Und nun, wegwerfen sollt’ ich selbstDes Mannes beste Zier?Im Leben Muth, im Tode MuthDas, Canning, schuld ich mir.
„Und schuld es meinem Vater auch; –Der war ein Ritter gut:Rein war sein altes Wappenschild,Und rein sein altes Blut.
„Gesetz und Recht, die hielt er festIm Wirrsal der Parthein;Die schwere Kunst war seine Kunst:Gerecht und mild zu sein.
„So war sein Haus: ein offnes Thor,Und offner Tisch dazu;Dem Bettler bot er Speis’ und Trank,Dem Pilger Rast und Ruh.
„An seines Namens blanker Ehr’Hat Schande nie geklebt,Und seiner fleckenlosen TreuDer hab ich nachgestrebt.
„Mir lebt ein Weib, ich hab ihr BettTreubrüchig nie entehrt, –Nie auch von Heinrich’s heil’gem RechtMich treulos abgekehrt.
„Drum geh in Ruh ich diesen Gang,Und, Canning, sterbe gern;Mein Auge wird den Tod nicht sehnDes Königs meines Herrn.“
Charles Bawdin schwieg; – da klang’s heraufWie Rossesstampfen schon,Die rost’gen Angeln drehten sichUnd gaben schrillen Ton.
Hell in des Kerkers offne ThürDrang jungen Tages Schein,Und mit dem Licht des Morgens tratEin weinend Weib herein.
Charles Bawdin’s Weib. Der Ritter sprach:„Laß sterben mich in Ruh,Und wende nicht die Seele meinDem Irdschen wieder zu.
„Laß ab! Die Thrän’ in Deinem Aug’Macht mir das Herze weich,Und wäscht dem frischen Muth in mirDie Wange wieder bleich.“
Er sprach’s und schwieg. Das blasse WeibSah starr ihm in’s Gesicht,Ihr Ohr vernahm die Worte wohlUnd hörte doch sie nicht.
Dann rief sie, daß ihr SchmerzensschreiIhm in die Seele schnitt:„Das Beil, das Deinen Nacken trifft,O träf es doch mich mit!“
Hin sank sie; Bawdin küsste leisAuf Stirne sie und Wang;Dann sprach er: „Schließer, nimm mich hinAuf meinem letzten Gang!“
Er trat hinaus; da stand der KarrnDer sonst nur Schächer trug,Und alsobald zum Richtplatz hinBewegte sich der Zug.
Der Zug war so: der Richter vornIn seines Amts Geschmeid,Hell glitzerte das QuastengoldAn seinem Scharlachkleid.
Zwölf Augustiner kamen dannIn härenem Gewand,Mit Rosenkranz und GeißelstrickIn recht- und linker Hand.
Bußpsalme sangen finster sieIn mächtgen Melodien,Und nieder schrillte Glöcklein KlangVom Thurme Sankt Marien.
Den Mönchen folgte, festen SchrittsEin Bogenschützen-Hauf:Die Sennen waren all gespannt,Die Pfeile lagen auf.
Wohl mocht ein Rest lankastrisch VolkDen Ritter noch befrein,Es durfte Bawdin’s letzter GangDer seiner Feinde sein.
Dann kam er selbst: zwei Rappen vornIn weißer Decken Putz,Auf ihren Köpfen wiegte sichEin schwarzer Federstutz.
Und wieder dann kam festen SchrittsEin Bogenschützen-Hauf:Die Sennen waren all gespannt,Die Pfeile lagen auf.
Zwölf Augustiner wieder dannMit Psalmesmelodien, –Und immer noch scholl Glöcklein KlangVom Thurme Sankt Marien.
Den Schluß, den machte straßenbreitDes Volkes dicht Gedräng:Von Dach und Fenster folgte manDem traurigen Gepräng.
Und jetzt an Christi Kreuz vorbeiBewegte sich der Zug,Hernieder schaute still das Lamm,Das unsre Sünden trug.
Und Bawdin betete und sprach:„Erbarm, o Herr, Dich mein,Und wasch auch meine Seele heutVon ihren Flecken rein!“
Er sprach’s. Der König aber stundAn Schlosses Fenster schon,In seinem Antlitz paarte sichDie Rache und der Hohn.
Charles Bawdin sah’s; in seinem KarrnHob er sich stolz empor,Und donnerte mit fester StimmAn Königs Edwards Ohr:
„Verräther, der Du bleibst und bist,Schau nur in Hohn mir zu,Wie klein mich Deine Rache machtBin größer doch als Du.
„Durch Mord und jede faule ThatTrägst Du die Krone Dein,Doch klebtest Du mit Blut sie festWird doch nie Deine sein.
„Vernimm: es reift die Frucht heranVergangner Missethat,Und wie Verrath Dich groß gemachtWird stürzen Dich Verrath.“
Er rief’s; das klang so fest und klarZu Edwards Ohr hinauf:Der murmelte, hochroth vor Scham,Zum Richard Gloster drauf:
„Traun Bruder, dieses Bawdin’s WortGing mir in Herz und Blut;Der Könige König dieser WeltDas ist doch Mannesmuth!“
Er sprach’s; doch Richard Gloster riefMit tückisch rauhem Ton:„Laß sterben ihn, laß sterben ihn,Die Raben warten schon!“
Hin zog der Zug, dem Schloß vorbei,Sie waren bald zur Stell:Das blanke Beil im SonnenscheinWie blinkte das so hell.
Behangen schwarz war das Schaffott;Charles Bawdin stieg hinauf:Ihm war das Sterben wie TriumphUnd stolzer Siegeslauf.
Rings stand das Volk; da sprach er laut:„Blutacker bleibt dies Land,So lange Schwert und Scepter bleibtIn dieses Edwards Hand.
„Vergehn vor Gram wird manches Weib,Und manche junge Braut,Eh’ dieses Land den ersten StrahlDes Friedens wiederschaut.“
Er rief’s; an Priesters Seite dannHinkniet’ er aufs Schaffott,Und betend, still die Seele seinEmpfahl er seinem Gott;
Dann aber pressend an den BlockSein Haupt in stolzer Eil,Abschlug ihm das auf einen HiebDas blanke Henkerbeil.
Hinfloß sein Blut; stillweinend standDas Volk im Kreis umher;Wie viel auch rothen Blutes floßDer Thränen flossen mehr.
Der Henker dann, mit scharfer Axt,Viertheilte Bawdin’s Rumpf,Und jeder Theil ward aufgestecktAuf einen Lanzenstumpf.
Der Eine thät als Wetterfahn’Hoch auf dem Thurm sich drehn;Ein zweiter war als GitterschmuckVor Edward’s Schloß zu sehn.
Der dritt’ und vierte sammt dem Haupt,Bei Tages erstem Schein,Von dreien Thoren blickten dieWeit in das Land hinein.
Da wurden sie, bei Tag und Nacht,Umkrächzet und umkreist,Das Raben- und das KrähenvolkHat alles aufgespeist.
Das war das End’ von Bawdin’s Treu,Und seiner Ehren Ziel; – –Gott schenk dem König unsrem HerrnSo treuer Diener viel.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 70–87, 1. Auflage, Carl Reimarus’ Verlag. W. Ernst., Berlin, 1851
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Das Bristol-Trauerspiel“, Fassung 3.027.471 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Theodor Fontane starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118534262 der Deutschen Nationalbibliothek.
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