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Versbuch

Das Trauerspiel von Afghanistan

Theodor Fontane · 18191898

40 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt 1905

Der Schnee leis stäubend vom Himmel fällt,Ein Reiter vor Dschellalabad hält,„Wer da!“ – „„Ein britischer Reitersmann,Bringe Botschaft aus Afghanistan.““

Afghanistan! er sprach es so matt;Es umdrängt den Reiter die halbe Stadt,Sir Robert Sale, der Commandant,Hebt ihn vom Rosse mit eigener Hand.

Sie führen in’s steinerne Wachthaus ihn,Sie setzen ihn nieder an den Kamin,Wie wärmt ihn das Feuer, wie labt ihn das Licht,Er athmet hoch auf und dankt und spricht:

„Wir waren dreizehntausend Mann,Von Cabul unser Zug begann,Soldaten, Führer, Weib und Kind,Erstarrt, erschlagen, verrathen sind.

„Zersprengt ist unser ganzes Heer,Was lebt, irrt draußen in Nacht umher,Mir hat ein Gott die Rettung gegönnt,Seht zu, ob den Rest ihr retten könnt.“

Sir Robert stieg auf den Festungswall,Offiziere, Soldaten folgten ihm all’,Sir Robert sprach: „Der Schnee fällt dicht,Die uns suchen, sie können uns finden nicht.

„Sie irren wie Blinde und sind uns so nah,So laßt sie’s hören, daß wir da,Stimmt an ein Lied von Heimath und Haus,Trompeter, blas’t in die Nacht hinaus!“

Da huben sie an und sie wurden’s nicht müd’,Durch die Nacht hin klang es Lied um Lied,Erst englische Lieder mit fröhlichem Klang,Dann Hochlandslieder wie Klagegesang.

Sie bliesen die Nacht und über den Tag,Laut, wie nur die Liebe rufen mag,Sie bliesen – es kam die zweite Nacht,Umsonst, daß ihr ruft, umsonst, daß ihr wacht.

Die hören sollen, sie hören nicht mehr,Vernichtet ist das ganze Heer,Mit dreizehntausend der Zug begann,Einer kam heim aus Afghanistan.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, Seite 193–194, 10. Auflage, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin, 1905
Digitalisat
de.wikisource.org — „Das Trauerspiel von Afghanistan (Fontane)“, Fassung 1.661.096 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Theodor Fontane starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118534262 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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