Die Waldbeerfrau
Heinrich Kämpchen · 1847–1912
33 Zeilen · zuerst gedruckt 1909
Seit Jahren kam stets in der WaldbeerzeitTief aus den Ruhrabergen eine FrauDen stundenweiten Weg her bis zu uns.An beiden Armen trug sie schwer die LastDer würz’gen Waldesfrucht im Henkelkorb,Zum dürftigen Verkaufe Tag um Tag.So lang’ die Ernte anhielt und die FruchtDurch Regenfall nicht schon zuvor verdarb,Kam auch mit ihrem Korb die Händlerin. –Die Waldbeerfrau, so wurde sie genannt,War eine Bergmannswittib und ihr MannIm Schacht erschlagen bei der Sprengarbeit. –Acht Kinder blieben vaterlos zurück,Gesund und hungrig – und sie hat die achtErnährt und großgezogen – wack’res Weib!Vier Ziegen halfen ihr dabei, der WaldGab Streu und Futter reichlich und noch mehrAn Holz und Pilzen und an Beerenobst. –So ging’s und hat sie fertig es gebracht,Ich sag’ es war ein Weib, wie’s wen’ge gibt,Die Kinder groß zu zieh’n in Zucht und Ehr’. –Nun ist sie tot, die wack’re Waldbeerfrau,Die uns so oft bei heißem SommertagGeletzet hat mit ihrer würz’gen Frucht. –Und seh’ ich jetzt, ’s ist wieder Beerenzeit,Die Frauen zieh’n mit schwerem HenkelkorbTief aus den Ruhrabergen her zu uns –So denk’ ich deiner, braune Annelies,Und wähne wieder dich vor mir zu seh’n,So prall und nett, wie ich dich damals sah’. –Erinnerung malt meinem Aug’ dein Bild –Du aber schläfst auf grünem WaldkirchhofDen langen Schlaf – und dir ist wohl, ganz wohl.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Was die Ruhr mir sang, S. 12, k. A., Hansmann & Co., Bochum, 1909
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die Waldbeerfrau (Kämpchen)“, Fassung 3.579.782 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Heinrich Kämpchen starb 1912; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1982 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 12060812X der Deutschen Nationalbibliothek.
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