Wiegenlied für meinen Jungen
Richard Dehmel · 1863–1920
30 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1893
Schlaf, mein Küken – Racker, schlafe!Kuck: im Spiegel stehn zwei Schafe,bläkt ein großes, mäkt ein kleines,und das kleine, das ist meines!Bengel, Bengel, brülle nicht,du verdammter Strampelwicht.
Still, mein süßes Engelsfüllen:morgen schneet es Zuckerpillen,übermorgen blanke Dreier,nächste Woche goldne Eier,und der liebe Gott, der lacht,daß der ganze Himmel kracht.
Und du kommst und nimmst die Spenden,säst sie aus mit Sonntagshänden,und die Erde blüht von Farben,und die Menschen thun’s in Garben –Herrr, den Bengel kümmert nischt,was man auch für Lügen drischt!
Warte nur, du Satansrachen:heute Nacht, du kleiner Drachen,durch den roten Höllenbogenkommt ein Schmetterling geflogen,huscht dir auf die Nase, hu,deckt dir beide Augen zu;
deckt die Flügel sacht zusammen,daß du träumst von stillen Flammen,von zwei Flammen, die sich fanden,Hölle Himmel still verbanden – –so, nu schläft er; es gelang;Himmel Hölle, Gott sei Dank!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Aber die Liebe, 1. Auflage, Dr. E. Albert & Co. Separat-Conto, München, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Wiegenlied für meinen Jungen“, Fassung 1.479.466 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Richard Dehmel starb 1920; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1990 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118679236 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.