Zum Inhalt springen
Versbuch

Die Keuschheit

Frank Wedekind · 18641918

184 Zeilen in 23 Strophen · zuerst gedruckt 1905

Schimmernd fülle sich der Teller,Schimmernd bis zum Rand hinan;Jeder spende seinen HellerGern dem alten Leiermann.Manch ein Lied hab’ ich gesungen,Das euch tief ins Herz gedrungen;Doch ein Lied wie dieses hierHörtet ihr noch nicht von mir.

Eines Abends in der MesseLauscht’ er hinter ihrem Pult,Mit erzwungner TotenblässeBat er sie um ihre Huld.Von Madrid bis KopenhagenHat er sich herumgeschlagen,Tausend Mädchen schon verführt,Kujoniert und angeschmiert.

Und sie bat, daß Gott ihr helfe,Doch sein Odem war so warm,Und dieselbe Nacht um elfeLag sie schon in seinem Arm.Weidlich hat er sie belogen,Hat das Hemd ihr ausgezogen;Sie ward rot für ihr Geschlecht,Doch das war ihm grade recht.

Als sie nun die Schmach erlitten,Ward dem Ungeheuer klar,Daß sie engelrein von SittenUnd ihm zu gefühlvoll war.Freilich konnt’ es ihn beglücken,Eine frische Blume pflücken;Für sein weiteres PläsierFehlte die Verderbnis ihr.

Und er war wie umgewandelt,Als ihr nun die Liebe kam;Hat sie so infam behandelt,Daß sie schier verging vor Scham;Stieß sie aus den warmen Kissen,Hat sie nackt hinausgeschmissen,Warf ihr ihre Kleider nach,Schloß die Tür mit einem Krach.

Auf dem Vorplatz unter TränenZog sie sich die Strümpfe an,Fluchte ihres Herzens SehnenUnd verzieh dem rohen Mann;Drauf ging sie in ihre Kammer,Dort sank sie aufs Bett vor Jammer,Schlug mit beiden Fäusten sichWund und weinte bitterlich.

Ist’s nicht wirklich ein Entsetzen,Daß es solche Männer gibt,Die sich nicht mal mehr ergötzen,Wo ein Andrer kindlich liebt.Weil sie ihre Liebe suchtenBei den H-, den verfluchten,Ist der Seele Klang verdumpft,Ihr Empfinden abgestumpft.

In dem nächtlich stillen GartenSitzt die keusche Maid voll Gram,Liebelechzend zu erwartenDen Geliebten, der nicht kam.Ach, sie meint, er müsse kommen,Doch die Sterne sind verglommenUnd der sanfte Mond verblich,Ohne daß ihr Kummer wich.

Und nun ward ihr immer schlimmer,Immer toller jeden Tag,Und sie lief ihm auf das Zimmer,Als er noch zu Bette lag;Sagt ihm gleich, wozu sie käme,Daß er sie zur Dienstmagd nehme,Wenn sie seiner Lust zu schlecht,Alles, alles sei ihr recht.

Aber dieser FürchterlicheHatte keinen Trost für sieAls verdrehte SittensprücheVoll gesalzner Ironie;Sich an ihrer Scham zu weidenZwang er sie, ihn anzukleiden,Macht sie dabei, ohne Not,Immer wieder purpurrot.

Als den Schlips sie ihm gebunden,Gab der Mensch ihr einen TrittUnd ein Schimpfwort ihrer wundenSeele auf den Heimweg mit.Doch als sie den Hut genommen,Spielt er plötzlich dann den Frommen,Sah sie an und sagte: Du,Heute abend Rendez-vous!

Und sie trat am selben AbendWieder in die Wohnung ein,Einen Strauß am Busen habend,Denn sie wollte lieblich sein.Gleich riß er ihn ihr vom Kleide,Überreicht’ ihn voller FreudeEiner Dirne, rotgelockt,Die geschminkt im Lehnstuhl hockt.

Drauf tät er sie zärtlich bitten,Aufzulösen sich ihr Haar;Jene hat’s ihr abgeschnitten,Daß sie wie ein Knabe war.Dann mußt’ sie das Kleid ablegen,Ging einher, zum Herzbewegen:Schuhe, Strümpfe, Höschen, Hemd,Und der Scheitel links gekämmt.

Nun erhob sich die geschminkte,Dekolletierte Schandperson,Schlecht verbergend, daß sie hinkte,Denn sie trieb es lange schon:Komm, mein Page, und enthülleMeiner Reize ZauberfülleDiesem schönen jungen Herrn;Ach, er hat mich gar zu gern!

Und sie tat es ohne Zucken,Zog ihr selbst die Strümpfe ab,Mußte all die Dünste schlucken,Die das Scheusal von sich gab;Mehrmals, bis das Werk vollendet,Hat sie stumm den Kopf gewendet,Hustete aus tiefster Brust,Wurde beinah unbewußt.

Alsdann kam an ihn die Reihe,Was ihr nicht so gräßlich war;Leise wimmernd macht das treueKind ihn aller Kleidung bar;Wollt’ ihm noch die Füße küssen,Doch er hat sich losgerissen.Und nun gab der edle WichtIhr in jede Hand ein Licht.

So mußt’ sie sich aufrecht stellen,Wo der Vorhang offen hing,Um das Schauspiel zu erhellen,Das vor ihr in Szene ging.Durch die Bosheit angefeuert,Hat er mehrmals es erneuert,Immer tiefern HöllenschmerzBohrend in des Kindes Herz.

Treulich tät sich ihm vereinenDas entmenschte Schauerweib,Fand am Jammerblick der KleinenTeuflisch süßen Zeitvertreib,Heuchelt, ihr ins Herz zu schneiden,Außerordentliche Freuden,Fraß mit Schluchzen und GeschreiEinen Apfel auch dabei.

Als die Roheit sondergleichenKeinen neuen Reiz mehr bot,Ließ man sich die Kleider reichen,Stellte sich dabei halb tot.Nichts als Püffe, nichts als TritteSpürt das Kind bei jedem Schritte;Drauf löscht er die Lichter aus,Führt die Schandperson nach Haus.

Kommt zurück nach langer Pause,Und das Mädchen ist noch da,Denn sie wagt sich nicht nach Hause,Weil sie so verändert sah;Bat ihn, daß sie bleiben könnte,Was er ihr denn auch vergönnte;Ach, sie dachte nicht daran,Was der Schreckensmensch ersann.

Nachdem er zu Bett gegangen,Winkt er sie vom Diwan her,Überreicht ihr einen langenScharfgeladenen Revolver,Bittet kühl um den Gefallen,Ihn sich vor den Kopf zu knallen,Denn die Wirkung sei famos,Und er sei sie endlich los.

Ohne etwas zu entgegnen,Hob sie sich ihn an die Stirn,Tät noch ihren Mörder segnenUnd durchschoß sich das Gehirn.Lächelnd schmaucht er die ZigarreZum Entstehn der Totenstarre,Geht dann, seiner Schandtat froh,Nach dem Polizeibureau!

Und nun hat sie ausgelitten,Diese Maid, die treu geliebt,Dabei engelrein von Sitten,Wie es keine zweite gibt.Alle möge Gott verfluchen,Wenn sie seine Gnade suchen,Denn sie liebten nur das Fleisch;Diese starb im Herzen keusch.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Die vier Jahreszeiten, 1. Auflage, Albert Langen, Verlag für Litteratur und Kunst, München, 1905
Digitalisat
de.wikisource.org — „Die Keuschheit“, Fassung 3.514.336 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Frank Wedekind starb 1918; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1988 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118629867 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

Mehr von Frank Wedekind

Alle Gedichte von Frank Wedekind ansehen

Gedichte aus dieser Epoche: Naturalismus

Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.