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Versbuch

Das Lied vom armen Kind

Frank Wedekind · 18641918

83 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt 1905

oderWer zuletzt lacht, lacht am besten

Es war einmal ein armes Kind,Das war auf beiden Augen blind,Auf beiden Augen blind;Da kam ein alter Mann daher,Der hört auf keinem Ohre mehr,Auf keinem Ohre mehr.Sie zogen miteinander dann,Das blinde Kind, der taube Mann,Der arme, alte, taube Mann.

So zogen sie vor eine Tür,Da kroch ein lahmes Weib herfür,Ein lahmes Weib herfür.Bei einem AutomobilunglückLieß sie ihr linkes Bein zurück,Das ganze Bein zurück.Nun zogen weiter alle drei,Das Kind, der Mann, das Weib dabei,Das arme, lahme Weib dabei.

Ein Mägdlein zählte vierzig Jahr,Derweil sie stets noch Jungfrau war,Noch keusche Jungfrau war.Um sie dafür zu strafen hart,Schuf Gott ihr einen Knebelbart,Ihr einen Knebelbart.Sie flehte: Laßt mich mit euch gehn,Ihr Lieben, laßt mich mit euch gehn,So wird noch Heil an mir geschehn!

Am Wege lag ein räudiger Hund,Der hatte keinen Zahn im Mund,Nicht einen Zahn im Mund;Fand er mal einen Knochen auch,Er bracht’ ihn nicht in seinen Bauch,Ihn nicht in seinen Bauch.Nun trabte hinter den anderen vier,Wiewohl es am Verenden schier,Das alte, räudige Hundetier.

Ein Dichter lebt’ in tiefster Not,Er starb den ewigen Hungertod,Den ewigen Hungertod.Mit Herzblut schrieb er sein Gedicht,Man druckt es nicht, man liest es nicht,Und niemand kennt es nicht.Sein Leib war krank, sein Geist war wund,Drum schloß er mit dem räudigen HundDer Freundschaft heiligen Seelenbund.

Und dann schrieb er zu Aller GlückEin wundervolles Theaterstück,Ein wundervolles Stück,In welchem die Personen sindDer taube Mann, das blinde Kind,Das arme, blinde Kind,Das lahme Weib, die Jungfrau zartMit ihrem langen Knebelbart,Die Jungfrau mit dem Knebelbart.

Und eh’ die nächste Stund’ entflohn,Konnt’ Jeder seine Rolle schon,Die ganze Rolle schon.Verständnisvoll führt die RegieDas alte, räudige Hundevieh,Das räudige Hundevieh.Drauf ward das Schauspiel zensuriertUnd einstudiert und aufgeführtUnd ward ganz prachtvoll kritisiert.

Die Künstler fanden viel Applaus,Man spannt dem Hund die Pferde ausUnd zieht ihn selbst nach Haus.Da gab’s nun auch Tantièmen vielUnd hohe Gagen für das Spiel,Das ungemein gefiel. –Nachdem sie ganz Europa sah,Da reisten sie nach Amerika,Nach Nord- und Südamerika.

Nun hört zum Schluß noch die Moral:Gebrechen sind oft sehr fatal,Sind manchmal eine Qual;Frau Poesie schafft ohne GrausBeneidenswertes Glück daraus,Sie schafft das Glück daraus.Dann schwillt der Mut, dann schwillt der Bauch,Und sei’s bei einer Jungfrau auch. –So ist’s der Menschheit guter Brauch.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Die vier Jahreszeiten, 1. Auflage, Albert Langen, Verlag für Litteratur und Kunst, München, 1905
Digitalisat
de.wikisource.org — „Das Lied vom armen Kind“, Fassung 2.572.777 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Frank Wedekind starb 1918; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1988 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118629867 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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