Einsamkeiten
Richard Dehmel · 1863–1920
44 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1893
Nun still, mein Schritt, im stillen Nebelfeld;hier rührt kein Leben mehr an meine Ruhe,hier darf ich fühlen, daß ich einsam bin.Kein Laut; kein Hauch; der bleiche Abend hältim dichten Mantel schwer die Luft gefangen.So thut es wohl dem unbewegten Sinn.
Mein Herz nur hör’ich noch; doch kein Verlangennach Leben ist dies Klopfen. Lust und Schmerzruhn hinter mir versunken – gleich zwei Stürmen,die sich umarmen und im Wirbel sterben;was störst du mich, mein allzu lautes Herz!
Sie haben Alle nie wie du gefühlt,wie Du allein; nicht Freund, nicht Weib noch Kind;sie sind auch einsam. Sieh, dort drübenmüht sich ein grüner Schein im Nebelmeer,ein Bahnlicht – sieh: so glimmst auch du im Trüben.Hinaus, hinaus, wo keine Menschen sind!
Was wollt ihr noch? Weiter! auf jenen Hügel,der grau zu Dunkel schwillt; Gesichter, weicht!sie folgen mir; o hätt’ich Flügel.Und aus dem bleichen Feld tauchen die Sträucherund sehen zu – der Hügel raucht:wie feucht von Schweiß sich starr und breitder Dunstalb an die Brust der Erde saugt.Gesichter, weicht! weicht! Seht mich keuchen!Sie folgen mir. Oh Qual der Einsamkeit.
Am Bahndamm niederzittr’ich in den Sand,die glühende Stirne auf die nasse Schiene:o käme jetzt das Eisenrad gerannt!Kalt frißt sich mir der blanke Strom ins Mark,die Hände pressen wild den harten Reifen –ich kann nicht mehr! Da – – horch: sei stark:
Gellend am Horizont ein hohles Pfeifen,zwei Augen quellen stechend aus der mattenDunstferne, und – was will der Schatten,was dunkelt dort der Erlenbusch?
Er löst sich, kommt; es reißt mich hoch,er ist schon nah, ich will’s begreifen,es nimmt Gestalt an, – Wahnsinn? Da:den Nebel teilt ein schwarzer Streifen,mein wühlender Blick wird still und weit:Jubel – stumm schüttelt mich ein Schrei:Jubel, ein Mensch! – Oh Herz – o Einsamkeit –und knatternd stampft der Dampfzug mir vorbei.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Aber die Liebe, 1. Auflage, Dr. E. Albert & Co. Separat-Conto, München, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Einsamkeiten“, Fassung 1.479.440 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Richard Dehmel starb 1920; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1990 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118679236 der Deutschen Nationalbibliothek.
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