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Versbuch

Venus Urania

Richard Dehmel · 18631920

110 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt 1893

Kommst du, Grollender?tief von Unten?Ueber Felsen und Wolken:suchst du mich, im dunkeln Mantel Du,schwarzgekrönter Wetterriese,mit der bleiernen Stirne?

Höher doch! näher! herauf zu mir,mir und meiner Sonne,die hier mein zitternder Arm sichvom Himmel riß,die mich erleuchtet,von mir umglüht,sie meine Seele, ihr Leben ich,taumelnd versunken in Eine großeeinige, einzige Flammenwelt!

Ja, du suchst uns,willst uns segnen,Du mit deinen Donnerorgelstürmen,willst empor zu UnsrerFlamme, Flammender Du!Sehnst dich, tief in Unser tiefeslichtes, allumstrickendes Glück zu blicken,auch ein Lichtkind,allverkettender Erschüttrer ... komm!

Ja, ichkenne dich: du bistmein Bruder!Komm, tief schaue,tief auch Ich dir,tief durchs nächtige Auge,in dein heißes zuckendes Herz, das gute:Du wirfst Frucht,Liebe aufs schmachtende Feld herab,wenn du mit wuchtender Faustkrachend zerbrichstdas dumpf drückende Dunstbrett.

Tobe nur, Kommender! nimm,hebe die splitternde Axt!Hebe die düstern,schönen,schattenumhangenen Lider!Grüße mich, du glühend,Ewigkeiten sprühend Auge:satt, ich will mich satt sehn, sattan dieser funkelnden Unendlichkeit!Auf, ihr schmetternden Lippen, jauchzt!aus eurem rollenden Donnersang rauscht mirdas ewige Lied vom Samen der Sehnsucht,vom Krieg des Lebens: der Atem der Lust.

Sonne, meine Sonne!weh – Er – stählerneStröme sein Blick,über uns – brennend –Sonne, wo bist du –Licht – oh Sonne –stehn wir umklammert,stehn wir von blendenden,heißen, sausenden Wonnen umzuckt ...

Sonne, mein zitterndes Licht!Lache! Nur den Baum,sieh, den Felsen nurtraf sein zischendes Beil.Hörst du ihn jauchzen?über der klaffenden Buche,über den thalab polternden Trümmern,im flatternden Bart ihnjauchzen sein eisernes Lied:Weckender Tod,komm, reckend lohtvon Stamm zu Stamm die straalende Kraft,Einer stürzt, der tausend drückte!Stürzen die Ragenden, wachsen die Ringenden;tausend wachsen, Einer ragt!Tod-und-Leben-stammelnde Laute dröhnen,doch darunter schweigt der heil’geMund der Macht ...

Greller doch, Blitze!spotte nur, Donner du!triff, zerbrich,was furchtsam zitternde Kronen trägt!Unssegnest du;unsprüftest du,Blut von Deinem Blut, mit heißenFingern in deiner Flammentaufe.Wirsind fromm und heilig:mit gefeitem Diademe krönteuns die Liebe,unsre sonnenselige Liebe,zitternd von Wünschen und steiler Kraft!

Oh, und trifft auch Uns,will ein Bruderopfer Deine Liebe:nimm uns! herrlich stürzen wir,vermählt verglühend in Deiner reinen,in unsrer eignen reinen Glut.

Nein, wir fürchten dichnicht,rasend liebender Bruder!Wirsind stark wie Du:ich und meine Sonne,meine Lust und Seele,wir zwei Eines,Eines aller, aller Lust:wir lieben Alle:Alle müssenunslieben ...

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Aber die Liebe, 1. Auflage, Dr. E. Albert & Co. Separat-Conto, München, 1893
Digitalisat
de.wikisource.org — „Venus Urania (Dehmel)“, Fassung 1.227.738 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Richard Dehmel starb 1920; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1990 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118679236 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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