In memoriam aeternam
Rudolf Lavant · 1844–1915
61 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt 16. April 1913
Sie kauen schwer am Jubiläumsjahr,Das scheinbar völlig unverdächtig warUnd doch von Stacheln wie ein Igel starrte.Uns aber bracht‘ es einen Ehrentag,Der den erheben und begeistern mag,Der Welt und Leben sieht von höhrer Warte.
Der Jahre fünfzig sind dahingerauscht,Seit hier Lassalles lebend’gem Wort gelauschtZum erstenmal die keimende Gemeinde.Ein Sturm des Beifalls brauste durch das Haus,Barst auch in höhnisches Gewieher ausDer ganze Troß der nörgelsücht’gen Feinde.
Daß er ein Adler unter Spatzen war,Dem Volk der Arbeit war es blendend klarUnd diesem Führer schenkten sie Vertrauen;Gerade Köpfe hatten eingesehn,Sie müßten fürder eigne Wege gehnUnd diese sich mit rüst’gem Arme hauen.
Und diese Tat war würdig höchsten Ruhms,Denn als Heloten nur des BürgertumsWar auf das Blachfeld man bisher gezogen;Man hat umschmeichelt sie und ausgenutzt,Schulmeisterlich herunter sie geputztUnd immer sie verraten und betrogen.
Daß mit des Geistes und der Rede MachtDas Volk zu bess’rer Einsicht er gebracht,Daß auf die eigne Kraft er es verwiesen,Das brach die Lebenskraft der Tyrannei;An diesem Felsen kommt sie nicht vorbeiUnd dafür sei er heute noch gepriesen.
Sie haßten also und mit gutem GrundDen „Volksverführer“ giftig alle Stund,Sie überhäuften ihn mit Schimpf und Schande,Und als er, lange vor erreichtem Ziel,Von des Bojarensöhnchens Kugel fiel,Da ging ein Jubel durch die deutschen Lande.
Nun war zu hoffen, daß sein Werk verkam,Was einen Druck von ihrer Seele nahm,Den sie als unerträglich oft empfunden.Was sich vor ihm und seinem Geist verkroch,Es wagte scheu hervor aus sich’rem LochAufatmend sich in jenen düstern Stunden.
Die armen Toren, die des Geistes WehnMit ihren engen Hirnchen nicht verstehn,Die kärglich leben von Gedankensplittern!Wie müssen sie, so oft in stiller NachtErinnrung an sein hohes Bild erwacht,Noch vor dem Schatten des Gefallnen zittern.
Denn die Entwicklung, die er angebahnt,Er hat sie selber schwerlich je geahnt;So hoch sind die Gedanken kaum geflogen,Wie triumphierend stünde heut er da,Wie er das Reis als starke Eiche sah,Das sorglich er aus zartem Keim gezogen!
Drum ziemt es sich, daß wir an diesem TagMit einem höhern, vollen HerzensschlagDes ringenden, des lautern Manns gedenken.Wenn auch das Volk zuweilen rauh erscheint —Es wird den Braven, die es treu gemeint,Ein unvergängliches Erinnern schenken.R.L.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- off, Leipziger Volkszeitung, Leipzig, 16. April 1913
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „In memoriam aeternam“, Fassung 3.646.964 · Bearbeitungsstand „korrigiert“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.
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