In Reih und Glied
Rudolf Lavant · 1844–1915
65 Zeilen in 9 Strophen · zuerst gedruckt 1893
(1890.)
Als ihr in eurem finstern HasseDas drohende Gesetz erdacht,Das uns zu Deutschen zweiter KlasseMit einem Federstrich gemacht,Da ward gefühlt und eingesehenVon allen ohne Unterschied;„Wir können hier nur widerstehenIn Reih und Glied.“
Wir ließen schweigend uns verdammen,Verstoßen uns vom Vaterland,Und schweigend rückten wir zusammen,Bis Schulter man an Schulter stand.An Spree und Belt, am Rhein, in SachsenErklang der Gegner Unkenlied;Wir fühlten Allem uns gewachsenIn Reih und Glied.
Und als nach bangen, schwülen Wochen,In denen keiner feig gebebt,Das finstre Wetter losgebrochen,Das drohend über uns geschwebt,Als laue Freunde ab sich wandtenUnd die Geächteten man mied,Da haben mannhaft wir gestandenIn Reih und Glied.
Es ist kein Kinderspiel gewesen,Ja oftmals seelische Tortur,Und staunend wird der Enkel lesen,Was seinen Ahnen widerfuhr;Doch sagen ihm vergilbte Blätter:Sie wußten nichts mehr, was sie schied;Sie standen fest in Sturm und WetterIn Reih und Glied.
Wie weit wir spähten in der Runde –Es waren Feinde, was wir sahn;Gewalt hat, mit der List im Bunde,An uns ihr Aeußerstes gethan.So mancher sank zu unserm Trauern,Der nie den Tag des Sieges sieht,Wir aber standen wie die MauernIn Reih und Glied.
Nie hat ein augenblicklich SchwankenDie feste Ordnung übermannt;Wir haben einen GluthgedankenUnd eine Hoffnung nur gekannt.Der Thränen viele sind geflossen,Doch nun das Wetter sich verzieht,Sieht staunend uns die Welt geschlossenIn Reih und Glied.
So unser Haß, wie unser Lieben,Das an den höchsten Zielen hing,Sie sind, ein Fels im Meer, geblieben,Und nur der Kanzler war’s, der ging.Sein Fürstenmantel ward den MottenZum unbestrittenen Gebiet,Nur wir, wir stehn in starren Rotten,In Reih und Glied.
Nach solchen unerhörten Siegen,Errungen über Macht und List,Mag sich ein Thor im Wahne wiegen,Es komme nun der innre Zwist.Wann ward zum ausgemachten NarrenDer Mann, der auf dem Gegner kniet?Wir werden, was nun kommt, erharrenIn Reih und Glied!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- In Reih und Glied, 1. Auflage, J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „In Reih und Glied“, Fassung 3.491.887 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.
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