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Versbuch

In memoriam

Rudolf Lavant · 18441915

50 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 05. November 1901

Ein Freund unseres Blattes sendet uns dieses stimmungsvolle Gedicht:

Von den Platanen sank das Laub, das welke,Als Bruno Schoenlank man zur Ruhe trug.Nur da und dort verlieh die rote NelkeEin wenig Farbe dem gewalt'gen Zug,Der bei des Trauermarschs gedämpften KlängenDurch lange Gassen bis hinaus ans Grab,Gemess‘nen Schritts und ohne Hast und Drängen,Dem toten Führer das Geleite gab.

Man hatte Kränze ohne Zahl gesendetUnd auch des Friedens Palmen nicht gespart,Man hatte Banner, schwarzumflort, gesendetUnd so des Todes Majestät gewahrt,Doch war es das und war's der Nebelschleier,Der mit dem düstern Pomp in Sympathie,Was dieser großen, ernsten TotenfeierDas seltsam Herzergreifende verlieh?

O nein, es war der Ausdruck stummer Trauer,Der an dem rauhen, grauen NebeltagAuf diesem Zug und auf der Menschenmauer,Die seine Straße säumte, bannend lag;Es war das tiefe Mitgefühl der Massen,Das sich so schlicht und doch so rührend zartFür die sogar, die uns fanatisch hassen,Das sich so ehrfurchtheischend offenbart.

Man konnte es in kräft'gen Lettern lesenIn dieser Männer, dieser Frauen Blick,Daß jedem einzelnen ein Schlag gewesenDes tapfern Toten tragisches Geschick,Und daß in tausend, abertausend Herzen,Die sich dies eine Grab gewählt als Ziel,Bei Schoenlanks Tode ans dem Kelch der SchmerzenEin schwerer Tropfen bittern Kummers fiel.

Der hohle Pomp läßt sich verhundertfachen,Wenn Zahlung und ein Trinkgeld man verspricht;Es läßt mit Gold unendlich viel sich machen,Nur echter Jubel, echte Trauer nicht.Wo sie sich zeigt in ihrem schlichten Kleide,Macht man ihr Platz, denn sie verkennt man nie,Und unwillkürlich beugt vor echtem LeideSelbst die verbissne Gegnerschaft das Knie.

Sein ganzes Dasein hat er uns gegeben,Der jetzt für immer stille, stumme Mann,Doch ward ein Lohn ihm für sein Kämpferleben,Wie niemand reicher ihn ersinnen kann.Ja, von der Trauer kann er ab uns lenken,Indem er sie beflügelt und verklärt:Das Volk allein hat Ehren zu verschenken,Wie es am Sonntag Schoenlank sie gewährt!L.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
off, Leipziger Volkszeitung, Leipzig, 05. November 1901
Digitalisat
de.wikisource.org — „In memoriam“, Fassung 3.648.173 · Bearbeitungsstand „korrigiert“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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