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Versbuch

Im Kreislauf des Jahres.

Rudolf Lavant · 18441915

49 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1904

Die ersten muntern Lerchen schwirren,Die ersten Veilchen spenden Duft,Die ersten gelben Falter irren,Geweckt von lauer, linder Luft;Nach einem sanften, feinen RegenDeckt grüner Hauch den braunen HagUnd Alles sprießt und knospt entgegenDem großen stolzen Blüthetag,Und einem unermess‘nen HoffenUnd einem leichtbeschwingten TraumSteht auch des Aermsten Seele offenUnd zweifelt an dem Schönsten kaum.

Im reifen Korn die Sensen blinken,Geschwungen von des Armes Kraft,Und wie die Schwaden niedersinkenUnd emsig man die Garben rafft;Und wie bei fernem DonnergrollenUnd ferner Blitze mattem Sprüh’nDie Erntewagen heimwärts rollenUnd dampfend sich die Rosse müh’nWill auch ein Ahnen Dir beschleichenIn nächt’ger Stille das Gemüth,Als werdest nimmer Du erreichen,Was Du gehofft, als es geblüht.

Die letzten Früchte an den schwanken,Gesenkten Zweigen sind gereift,Die Winzer haben von den RankenDie letzte Traube schon gestreift;Die Rosen bleichen und verwehen,Auf leisen Sohlen naht der Tod,Und mit dem blauen Hauch der SchlehenMischt sich der Hagebutten Roth;Ihr welkes Laub verstreu’n die Bäume,Zum Friedhof wird der grünste Ort,Und Deiner Seele liebste TräumeZieh‘n mit den Wandervögeln fort.

Es liegt die Welt in Schnee vergraben,Der Tag hat nur ein fahles Licht;Ein Schweigen herrscht, das nur der RabenGekrächz zuweilen unterbricht,Und wie die kahlen Bäume ragenFragst Du mit zweifelndem Gemüth,Ob wirklich einst in MaientagenDie Welt bei Liederklang geblüht.Die Hände legst am warmen HerdeDu müde lächelnd in den Schooß ―Vergehen ist auf dieser ErdeDer Menschen allgemeines Loos.R.L.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
off, Auer/Hamburg und J.H.W. Dietz/Stuttgart (in Kommission), Leipzig, 1904
Digitalisat
de.wikisource.org — „Im Kreislauf des Jahres (1904)“, Fassung 3.016.736 · Bearbeitungsstand „korrigiert“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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