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Versbuch

Im Vorbeigeh‘n.

Rudolf Lavant · 18441915

57 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1888

Die weite Welt umspinnt ein Dämmern,Ein Dämmern mild und friedevollUnd matt erklingt das rasche Hämmern,Das aus der nahen Schmiede scholl.Die Schwalbe barg die müden GliederIm Nest am weinberankten HausUnd taumelnd flattert hin und wieder,Des Dunkel’s froh, die Fledermaus.

In weichmelodischem Gedränge,In einem reichen, goldnen StromSchickt seines Abendläutens KlängeHerab zur stillen Stadt der Dom.Es ist, als ob in blauen LüftenSogar des Windes Stimme schweigt,Indeß ein süßes NelkendüftenAus all den grünen Gärten steigt.

Und die im Lärm des Tages schliefen,Die tausend Stimmen, leis und zart,Sie regen in der Seele TiefenSich mahnend nun nach Feenart,Und die im hastigen GetriebeDen Muth zum Sprechen ganz verlor,Es flüstert halb bewußte LiebeUns holde Märchen nun in’s Ohr.

Wer schälte sie um ihre Länge,Wem würde nicht die Wange heiß?Es kommt die Zeit der stillen Gänge,Um die der beste Freund nicht weiß.Noch trägt uns zu vertrautem PlaudernIn einer Ecke nicht der Fuß ―Wir wagen nur nach kurzem ZaudernVermessen einen Abendgruß.

Genug, gab uns die AbendstundeNach einem arbeitsreichen TagEin Lächeln, das auf liebem MundeFür flüchtige Sekunden lag.Noch wagt sie’s nicht, emporzublicken,Noch in der Kehle stockt das Wort,Noch muß für sie die Freundin nicken ―Nicht unsertwegen saß sie dort.

Und dennoch weiß sie, daß wir kommen,Noch ehe wir ein Wort getauscht,Und dennoch hat sie leicht beklommenAuf unsern raschen Schritt gelauscht,Und dennoch ist ihr Muth gebrochen,Wenn wir nicht froh hereingeseh’nUnd nicht den Abendgruß gesprochenWie immer „im Vorübergehn“.

Und sinkt ihr Köpfchen in die Kissen,Indeß die Wimper tief sich senkt ―Ich wollte nur, Du könntest wissen,Was sie dann Alles träumt und denkt!Nur Eines will ich Dir verrathen,Da schön’re Kunde noch nicht frommt,Daß auf den Mund die Worte traten:„Ob er wohl morgen wiederkommt?“R.L.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
off, Auer/Hamburg und J.H.W. Dietz/Stuttgart (in Kommission), Leipzig, 1888
Digitalisat
de.wikisource.org — „Im Vorbeigeh’n“, Fassung 3.498.345 · Bearbeitungsstand „korrigiert“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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