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Versbuch

Der Zoologe von Berlin

Frank Wedekind · 18641918

48 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1905

Hört ihr Kinder, wie es jüngst ergangenEinem Zoologen in Berlin!Plötzlich führt ein Schutzmann ihn gefangenVor den Untersuchungsrichter hin.Dieser tritt ihm kräftig auf die Zehen,Nimmt ihn hochnotpeinlich ins GebetUnd empfiehlt ihm, schlankweg zu gestehen,Daß beleidigt er die Majestät.

Dieser sprach: Herr Richter, ungeheuerIst die Schuld, die man mir unterlegt;Denn daß eine Kuh ein Wiederkäuer,Hat noch nirgends Ärgernis erregt.Soweit ist die Wissenschaft gediehen,Daß es längst in Kinderbüchern steht.Wenn Sie das auf Majestät beziehen,Dann beleidigen Sie die Majestät!

Vor der Majestät, das kann ich schwören,Hegt’ ich stets den schuldigsten Respekt;Ja, es freut mich oft sogar zu hören,Wenn man den Beleidiger entdeckt;Denn dann wird die Majestät erst sehen,Ob sie majestätisch nach Gebühr.Deshalb ist ein Mops, das bleibt bestehen,Zweifelsohne doch ein Säugetier.

Ebenso hab’ vor den StaatsgewaltenIch mich vorschriftsmäßig stets geduckt,Auf Kommando oft das Maul gehaltenUnd vor Anarchisten ausgespuckt.Auch wo Spitzel horchen in Vereinen,Sprach ich immer harmlos wie ein Kind.Aber deshalb kann ich von den SchweinenDoch nicht sagen, daß es Menschen sind.

Viel Respekt hab’ ich vor dir, o Richter,Unbegrenzten menschlichen Respekt;Läßt du doch die ärgsten BösewichterIn Berlin gewöhnlich unentdeckt.Doch wenn hochzurufen ich mich sehneVon dem Schwarzwald bis nach Kiautschau,Bleibt deshalb gestreift nicht die Hyäne?Nicht ein schönes Federvieh der Pfau?

Also war das Wort des Zoologen,Doch dann sprach der hohe Staatsanwalt;Und nachdem man alles wohl erwogen,Ward der Mann zu einem Jahr verknallt.Deshalb vor Zoologie-StudierenHüte sich ein Jeder, wenn er jung;Denn es schlummert in den meisten TierenEine Majestätsbeleidigung.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Die vier Jahreszeiten, 1. Auflage, Albert Langen, Verlag für Litteratur und Kunst, München, 1905
Digitalisat
de.wikisource.org — „Der Zoologe von Berlin“, Fassung 3.779.307 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Frank Wedekind starb 1918; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1988 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118629867 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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