Im Kreislauf des Jahres.
Rudolf Lavant · 1844–1915
49 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1903
Du hörst im Tann die wilde Taube girren,Ein gelber Falter schwimmt im lauen West,Und heimathfrohe flinke Schwalben schwirrenUnd bessern zwitschernd aus ihr altes Nest.Es lacht der Blüthenschnee auf allen HeckenDes letzten Winterschnees in schatt’ger KluftUnd wie sich scheu die Veilchen auch verstecken,Verräth sie doch ihr feiner, süßer Duft.Die blaue Luft ist voller Lerchenlieder;In jedem Auge liegt ein warmes Licht,Und wie zum Kuß beugst Du Dich freundlich niederZu eines Kindes sonnigem Gesicht.
Des Kukuks Ruf, des Pirols Pfiff verstummen,Wenn’s mit den Tagen wieder abwärts geht,Doch unverdross’ne fleiß‘ge Bienen summenUm jede Linde, die in Blüthe steht.Der Himmel wird von ferner Blitze SprühenIn Blut getaucht in wetterschwüler Nacht;Auch in dem kleinsten Häuslergärtchen blühenDie Rosen all‘ in Schnee-und Purpurpracht.Das reife Korn sinkt zu der Mäher FüßenVom Morgengrauen bis zum Abendschein ―Den braunen Schnittern schickst ein frohes GrüßenDu wandernd zu von grünem Feldesrain.
Der Wald ist bunt; die Wandervögel flüchten,Durch Kraut und Stoppel streift des Jägers Hund;Du füllst den Korb mit rothgewangten FrüchtenUnd Herbstzeitlose steh‘n im Wiesengrund.Die letzten Astern will der Herbst Dir schenkenFür all‘ die Blumen, die er Dir geraubt,Und die gebräunten Sommerrosen senkenVon hohem Schafte müd und schwer das Haupt.Und hat von seiner letzten Trauben SchneidenDer Winzer ernst zu Dir emporgeblickt,So hast Du ihm, bewegt von all dem Scheiden,In stummer Wehmuth leise zugenickt.
In dichten Flocken schneit’s. Die Winde heulen,In Schnee vergraben liegen Busch und Strauch,Und aus den Hütten steigt in grauen SäulenZum fahlen Himmel Tag und Nacht der Rauch.Kein Laut umher, als das Gezirp der MeisenUnd eines Raben Krächzen im Geheg;Nur windverwehte, schwere Stapfen zeigenZum nächsten Dorfe hülfreich Dir den Weg.Und einen Greis siehst Du nach Hause wankenMit dürrem Holz, das er im Walde brach.Wie matt sein Schritt! In schmerzlichen GedankenSiehst Du ihm lange feuchten Auges nach.R.L.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- off, Auer/Hamburg und J.H.W. Dietz/Stuttgart (in Kommission), Leipzig, 1903
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Im Kreislauf des Jahres (1903)“, Fassung 3.016.716 · Bearbeitungsstand „korrigiert“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.
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