Idealer Wert
Heinrich Kämpchen · 1847–1912
24 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1909
Hätte nur das Nützliche alleinRecht zu vollem Wachstum und Gedeih’n,Müßte manche schöne Blüte sterben,Müßte manche Blume sich entfärben –Kunst und Künstler, nach realem Schluß,Wären völlig Ueberfluß. –
Arme Nachtigall, was schafft dein Lied,Wenn man auf den Nutzen sieht? –Einen Blick nur wirf auf uns’re Tenne,Tief beschämen muß dich jede Henne –Unmelodisch klingt ihr Gackerschrei,Doch sie legt ein Ei dabei. –
Rose sprich, was nützt dein süßer Duft? –Ein Gemeingut für die Luft,Ist er jedem Winde untertänigUnd ein jeder nascht von ihm ein wenig. –Nein, da lob’ ich den Kartoffelstrauch,Mit den Blüten trägt er Knollen auch. –
Holde Kunst, wie würd’ es dir ergeh’n,Müßtest du der Dummheit Rede steh’n? –Ohne Grübeln, ohne Kopfzerbrechen,Würde schnell sie dir dein Urteil sprechenUnd es hieße: Weg von meinem Herd!Das Reale nur hat für mich Wert. –
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Was die Ruhr mir sang, S. 108, k. A., Hansmann & Co., Bochum, 1909
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Idealer Wert (Kämpchen)“, Fassung 1.097.784 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Heinrich Kämpchen starb 1912; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1982 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 12060812X der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.