Blondel vor Trifels
Heinrich Kämpchen · 1847–1912
232 Zeilen in 57 Strophen · zuerst gedruckt 1909
oderDie Befreiung des Richard Löwenherz.I.„Wer hält den Aar gefangen,Der sonst so frei und hochMit seinen starken SchwingenZu Gottes Himmel flog? –
Wer schlug den Leu’n in Ketten?Sein donnerndes Gebrüll,Es schreckt nicht mehr die Wölfe,Er blieb zu lange still. –
Von Englands grünem StrandeErhob der Aar den Flug,Ihm ist die Schwing’ gebrochen,Die ihn sonst heimwärts trug.
Sonst würd’ er nimmer weilen,Der königliche Aar,Sonst würd’ er wiederkehrenMit seiner Falkenschar.“ –
Der Blondel sprach’s, der weilandIn König Richards SchloßMit seinem HarfenschlagenDer erste war im Troß. –
„Und will ihn keiner retten,So rett’ ich ihn allein,Und muß ich mit ihm sterben,So soll’s nicht anders sein. –
So leb’ denn wohl, Altengland,Mein schönes Heimatland,Ich rette deinen KönigAus Kerkernacht und Band’.
Ich rett’ ihn oder sterbeMit meinem Löwenherz,Ohn’ ihn kann ich nicht leben,Ohn’ ihn bricht mir das Herz.“ –
Der Blondel hat’s gesprochen,Und wenn’s ein Sänger spricht,Der hat noch nie gebrochenDie heil’ge Freundespflicht. –
Den langen PilgermantelOb seinem stählern’ Kleid,Mit Muschelhut und Stabe,Ohn’ jegliches Geleit. –
So hat ein Schiff getragenIhn nach dem deutschen Gau,So zieht allein er weiterHinab des Rheines Au. –
Und wo ein Schlößlein ragetAuf felsig steilem Horst,Und wo ein Hüttchen blinketAllein im dunk’len Forst,
Da hebt er an zu singenVon König Richards Leid,Von seinem Freunde BlondelUnd alter Herrlichkeit. –
Und wo ein Wand’rer lauschetDem liederreichen Mann,Da blinkt auch eine Träne,Die von der Wimper rann.
Und wenn er ausgesungen,Dann weint so manche Maid,Und schaut ihm tief in’s Auge,Und geht voll Herzeleid. –
Dann zieht er traurig weiter,Die Brust voll stillen Schmerz,Bis daß er wieder singetVon seinem Löwenherz. –
So schwinden Tag’ und Wochen,Den Sänger kümmert’s nicht,Er schreitet munter fürderBei Mond- und Sonnenlicht. –
Wohl blickt sein Auge trübe,Wohl wird die Wang’ ihm bleich,Doch ob auch arm an Freuden,An Liedern bleibt er reich. –
II.Zu Trifels vor dem Schlosse,Da hält ein Spielemann,Ihr kennt den treuen Blondel,Er ist’s, ich sag’s euch an. –
Den langen PilgermantelOb seiner Brust voll Harm,Das stille Weh im Herzen,Das Saitenspiel im Arm. –
So hält er an der VesteIm gold’nen Abendstrahl,Schon blinkt der Mond am HimmelUnd Schatten wirft das Tal. –
Da hebt er an zu singenVon König Richards Leid,Von seinem Freunde BlondelUnd alter Herrlichkeit. –
„O England, stolzes England,Mein schönes Heimatland,Dein Bote kehrt nicht wieder,Den du hinausgesandt. –
Dein Blondel hat’s geschworen,Der Blondel hält sein Wort,Kann ich nicht mit ihm kehren,So siehst du mich nicht dort. –
In all’ den grauen Burgen,Wovon ein Banner weht,In all den festen Schlössern,Die forschend ich durchspäht,
Hab’ ich ihn nicht gefunden,O weh, nun ist es aus!Vielleicht in TodesnötenHaucht er die Seele aus. –
Vielleicht schon längst gestorben,Vermodert sein Gebein,Und Englands größter KönigSchläft ohne Leichenstein. –
O Johann, falscher Johann,Du sprichst dem Bruder Hohn,Dein Bruder liegt gefangen,Du trägst die güld’ne Kron’. –
Dein König liegt in Ketten,Du trotziger Vasall,Doch sollt’ er wiederkehren,So bringt er dir den Fall. –
An dieser grauen VesteSei meines Lebens Ziel,Hier will ich einsam sterbenBei meinem Saitenspiel.
Und wenn das Lied verhallet,Von dem die Saite bebt,Dann soll die Saite springen,Dann hab’ ich ausgelebt. –
O Richard, schöner Richard,Wo weilest du so lang,O komm’ zu deinem Blondel,Er ruft dich mit Gesang.
O komm’ zu deinem Blondel,Er hat die Brust voll Schmerz,Er sehnt sich nach dem Freunde,Nach seinem Löwenherz. –
Ich hab’ manch’ Jahr gesungen,Ich zog von Ort zu Ort,Ich wollte dich befreien,Ich schwur’s mit Hand und Wort.
Ich hab’ dich nicht gefunden,Mein Leben geht zu End’,Mein Herze ist gebrochen,Ich leg’s in Gottes Händ’. –
So leb’ denn wohl, mein König,Leb’ wohl zur letzten Stund’,Die Harf’ hat ausgeklungen,Mich macht der Rhein gesund. –
Und wo er ist am tiefsten,Da bett’ ich mich hinein,Dann schläft dein treuer BlondelAuch ohne Leichenstein.“ –
„O Blondel, guter Blondel,Dein Richard ist nicht fern,Könnt’ ich nur zu dir eilen,Wie tät’ ich es so gern. –
Die dicken Mauern hemmenDes kühnen Herzens Drang,Doch kann ich dich nicht sehen,Ich höre deinen Sang.“ –
„O Gott, o Gott, mein König,Mein Richard Löwenherz,So hab’ ich dich gefunden,Nun endet aller Schmerz. –
Wenn dich die Ketten drücken,Ich sprenge Kett’ und Band’,Ich führe meinen KönigNach Englands grünem Strand.“ –
„O Blondel, guter Blondel,Du lehrst mich hoffen neu,Schon wähnt’ ich mich vergessenVon aller Lieb’ und Treu’. –
In öden Kerkernächten,Wie sehnt’ ich mich nach dir,Der Freund und meine Harfe,Sie fehlten beide mir.“ –
„Sei guten Muts, mein König,Dein Blondel hat gewacht,Sie nahmen dir die Krone,Sie warfen dich in Nacht. –
Sie haben dich versenketBei Molch und Natternbrut,Doch Gottes VateraugeHielt dich in seiner Hut.“ –
„O Blondel, guter Blondel,Dich hat mir Gott gesandt,Du wirst mich treulich führenNach meinem Engeland. –
Du wirst die Kron’ aufs neueMir setzen auf das Haupt,Die mir der eig’ne BruderSo schnöde hat geraubt.“ –
„Sei guten Mut’s, mein König,Kurz ist der Trennung Schmerz,Bald werd’ ich wiederkehrenGehüllt in Stahl und Erz. –
Merk’ auf, was ich dir künde:Wenn jetzt die Sonne steigt,Und wenn sie wieder sinket,Wenn sich der Abend neigt,
Dann harrst du hier am Gitter,O merke wohl mein Wort,Dann werd’ ich wiederkehrenMit starker Mannenhort. –
Und wenn die Harfe klinget,Dann Richard, sei bereit,Ich bring’ dir Schwert und PanzerUnd sicheres Geleit. –
Bald wirst du wieder sitzenAuf Englands stolzem Thron,Und deine Harfe schlagen,Geschmückt mit gold’ner Kron’.“ –
„So geh’ mit Gott, mein Blondel,Und ende meinen Schmerz,Dir wird es ewig dankenDein Richard Löwenherz.“ –
Der Blondel hat’s versprochen,Und Blondel hielt sein Wort,Von jeher ist der SängerDer heil’gen Treue Hort. –
Bald trug ein Schiff sie schnelleZum schönen Britenland –Der Aar hat wieder Flügel,Den Löwen hielt kein Band. –
Hier end’t die Mär von Blondel,Dem treuen Spielemann,Prinz Johann floh geächtet,Ihn traf des Eidbruchs Bann. –
Er hat nicht lang’ getragenDie güld’ne Königskron’,Dem guten Sänger BlondelBlieb ew’ger Treue Lohn. –
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Was die Ruhr mir sang, S. 101-107, k. A., Hansmann & Co., Bochum, 1909
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Blondel vor Trifels (Kämpchen)“, Fassung 1.096.727 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Heinrich Kämpchen starb 1912; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1982 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 12060812X der Deutschen Nationalbibliothek.
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