Debutant
Frank Wedekind · 1864–1918
36 Zeilen in 9 Strophen · zuerst gedruckt 1905
Kennst du die hohe, dunkle Gartenpforte,Die ernst verschwiegen an der Straße steht?Wohl niemand ahnte, welche süßen WorteIn ihrem Schutz der Abendwind verweht.
Dort trat ich ein; von freudigem ErwartenSchwoll mir das Herz wie dem beschenkten Kind;Ein leises Flüstern wehte durch den GartenVon guten Geistern, die dort heimisch sind.
Auf schatt’ger Bank ließ ich mich zaudernd niederUnd trank der Rose wollustschweren Duft;Ob meinem Haupte knistert es im Flieder;Zwei Vöglein zwitschern durch die Abendluft.
Wie aber ward mir, als du vor mich tratst,Ein Götterbild aus fernen Griechenzeiten,Als du bedeutungsvoll und lächelnd batst,Dich tiefer in den Garten zu begleiten.
Dort wurde mir aus Abend und aus MorgenDer erste Lebenstag, den ich gelebt –O daß so lange mir das Glück verborgen,Nach dem das Herz dem Knaben schon gebebt!
O, Ella, Ella, tausend SeligkeitenIn einen einz’gen Atemzug gedrängt;Die Triebe aus der Menschheit frühsten Zeiten,Von wonnekund’ger Götterhand gelenkt;
Der Kindheit ahnungsvolle, lose SpieleVerwandelt in unendlichen Genuß;O, Ella, alle himmlischen GefühleIn einem einz’gen Liebeskuß –
Welch hohes Wort, das Menschengeist ersann,Welch reicher Dank mag diese Stunde lohnen!Laß ewig mich in deinem Garten wohnen,Ist alles, was die Lippe stammeln kann.
In seiner Büsche stillem HeiligtumNahm ich, als Balsam jeder Erdenqual,Von deinem Mund das heilige AbendmahlZum großen Liebesevangelium.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Die vier Jahreszeiten, 1. Auflage, Albert Langen, Verlag für Litteratur und Kunst, München, 1905
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Debutant“, Fassung 3.779.704 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Frank Wedekind starb 1918; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1988 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118629867 der Deutschen Nationalbibliothek.
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